Mugshots sind das, was man früher so schön bürokratisch Verbrecherkartei genannt hat. Richtig bekannt wurden diese Fotos aus der US-Justizbranche hierzulande durch die Boulevardpresse, die genüsslich zeigte, dass auch Prominente nicht vor solchen Aufnahmen gefeit sind. Unvergessen Hugh Grant, der in einer Mischung aus peinlich berührt und gelangweilt in die polizeiliche Kamera schaut. In Thomas Glavinics gleichnamigem Theaterstück, uraufgeführt im Volx, werden Mugshots so erklärt: "Sie zeigen Menschen an einem Tag, der ganz bestimmt nicht ihr bester ist."

Und so einen Tag, der ganz bestimmt nicht sein bester ist, hat auch Christoph (Christoph Rothenbuchner). Er wacht morgens auf, mit relativ hohem Wimmerfaktor. Die Umgebung im stylishen Loft-Ambiente, nicht zuletzt eine arg ramponierte Kaiserin-Elisabeth-Büste, lässt darauf schließen, dass der Abend davor eher ausschweifend war. Das wäre für Christoph offenbar noch im Bereich des Alltäglichen, aber dass sich da eine junge Frau in seinem Bett räkelt, schon weniger. "Oha. Wer ist das jetzt?", fragt er in fast schon Nestroy’scher Beiseite-Manier. Die Dame (Nadine Quittner) heißt, wie sich nach trefflich peinlichem Herumgeeiere herausstellt, Anastasia. Und nach fortführendem Geplänkel stellt sich weiters heraus, dass die Sissi-Büste ein Dekorationselement aus dem Puff "Kaiserin Elisabeth" ist, in dem Anastasia beschäftigt ist. Und der hartnäckige Anrufer ohne Nummer, das ist ihr Zuhälter Joe. Der wiederum mit Christoph Gesprächsbedarf hat, immerhin hat der in der vergangenen Nacht beschlossen, die Prostituierte aus ihrem Elend zu "befreien".

Nach und nach also offenbart sich für Christoph, welche Erschütterung in sein schick verspiegeltes Bobo-Leben er sich da in besoffenem Zustand eingehandelt hat. "Immer wenn es mir schlecht geht, wenn mein Leben kippt, werde ich empathisch", analysiert er, während er "zuhört", wie Anastasia schildert, was abtrünnigen Mitarbeiterinnen von Joe so zustößt: "Erinnerst du dich an die verbrannte Frauenleiche an der Raststation?"

Beton-Insignien

Diese surreal unterschiedlichen Abgründe der totalen Egomanie eines Hipsters, der seine größte Leidenschaft für eine Salami vom Naschmarkt empfindet, auf der einen Seite und die brutale Entmenschlichung des Frauenhandels auf der anderen Seite, das zu vereinen, hätte ein gutes Theaterstück werden können. Dazu hätte es sich aber nicht in banalem Geplapper, gewürzt mit überteuertem Käse, Gourmet-Wurst und lustig gemeinten Selbstbezügen auf den Autor ("Jetzt erklärst du mir sicher gleich, dass ich Hofer-Wähler bin" erinnert an Facebook-Debatten, die Glavinic nach dem ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl ausgelöst hat) erschöpfen dürfen. Rothenbuchner und Quittner bemühen sich redlich, werden aber in einer Regie (auch Thomas Glavinic), die so slick ist wie die Beton- und Edelstahlinsignien der Bobo-Wohnung auf der Bühne von Hans Kudlich, allein gelassen. Mehr als die platte Botschaft, dass das neue Biedermeier auch eine neue Ignoranz gebiert, ist hier nicht herauszuholen. "Mugshots" zeigt auch Glavinic an einem Tag, der nicht sein bester war.