Nutzt noch nicht alle Möglichkeiten des neuen Operetten-Hauses: die Eröffnungsproduktion der neuen Dresdner Staatsoperette "Orpheus in der Unterwelt" in der Regie von Arne Böge. - © Stephan Floß
Nutzt noch nicht alle Möglichkeiten des neuen Operetten-Hauses: die Eröffnungsproduktion der neuen Dresdner Staatsoperette "Orpheus in der Unterwelt" in der Regie von Arne Böge. - © Stephan Floß

Dieses Kraftwerk ist einem Kraftakt zu verdanken: Die Staatsoperette Dresden und das Theater der jungen Generation bekommen in lediglich einem Kilometer Entfernung von Zwinger, Schauspielhaus und Semperoper ein neues Quartier - und das mit allem Drumherum, das sie brauchen, um Theater für den Nachwuchs zu produzieren und den Operettenliebhabern zu geben, was deren Herz begehrt. Dass dieses Projekt einem alten, stillgelegten Kraftwerk ein postindustrielles Nachleben ermöglicht, somit für ein ganzes Stadtviertel zu einem kulturellen Herzschrittmacher wird und der sächsischen Landeshauptstadt die positiven Schlagzeilen einbringt, die sie nötiger hat denn je, ist ein Erfolg.

Dieser hat naturgemäß viele Väter. Intendant Wolfgang Schaller und seine Beharrlichkeit gehören ebenso dazu wie das Aufbegehren des Publikums, als zuerst die Pläne eines Umzugs aus dem jahrzehntelangen Provisorium in Leuben hin ins Stadtzentrum und dann sogar die traditionsreiche Institution selbst auf dem Spiel standen. Schließlich kamen die Entscheidungsträger dann zu der Einsicht, dass Dresden vor allem von Kultur lebt. Beim Resultat überraschte viele Kulturliebhaber, dass ein Theater mit 700 Plätzen für die Operetten- und Musical-Fans und 350 für das junge Publikum in einem überschaubaren Zeit- und Kostenrahmen (100 Millionen Euro) geplant und auch realisiert werden kann. In Erfurt ist dies bereits gelungen, in Dresden nun ebenfalls (und erneut mit Architekt Jörg Friedrich). Es geht also. Und wenn alles, was dieses Kulturquartier an Möglichkeiten für weitere Einrichtungen noch bietet, ausgeschöpft wird, dann liefert Dresden wirklich ein Beispiel, an dem sich andere Städte orientieren können.

Der Bau selbst ist wirklich gelungen. Der Charme im Foyer ergibt sich aus der Melange aus noch erkennbarer Industriearchitektur und modernen Einbauten. Dass hier ganz junge Theaterzuschauer und die eher älteren Operettenliebhaber auch einmal aufeinandertreffen könnten, ist eine reizvolle Vorstellung.

Beglückende Akustik

Der große Saal ist fabelhaft geglückt: Nicht ganz so steil wie in Erfurt, aber mit ebenso guter Sicht. Die Akustik, besonders für das Orchester, darf als gelungen gelten. Das demonstriert der (auch an der Wiener Volksoper bekannte) Chefdirigent des Hauses, Andreas Schüller, bei aller Zurückhaltung während der Eröffnungspremiere mit "Orpheus in der Unterwelt". Bei den Sängern gelang das Jeannette Oswald als Diana am besten. Und natürlich nutzte auch Andreas Sauerzapf die Theo-Lingen-Rolle des Hans Styx für ein Kabinettstück. Was die neue Bühnentechnik hergibt, wird man sicher demnächst erleben.

An das neue, sozusagen maßgeschneiderte Haus müssen sich die an die Leubner Enge gewöhnten Operettenspezialisten dennoch erst noch gewöhnen. Vor allem optisch. Mit dem Offenbach-Klassiker ist ihnen die Umstellung jedenfalls noch nicht gelungen. Die behäbige Inszenierung von Arne Böge demonstriert (trotz Ausstattung und Videos von fettFilm) eher das oft eingeschränkte Bisher als ein Ab-jetzt-ist-alles-Möglich. Das einzige selbstständige Operettentheater Deutschlands wird sich ab jetzt, ob es will oder nicht, dem Vergleich mit Barrie Koskys Operetten-El-Dorado an der Komischen Oper gefallen lassen müssen. Noch hält es nicht Stand.