Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner kommt um: Im "Kaiser von Atlantis", der Oper von Viktor Ullmann, ist dies der Fall. Der besagte Herrscher befielt den Krieg "aller gegen alle"; der Tod soll dabei als Bannerträger voranschreiten. Doch der Sensenmann lässt sich nicht vor den Kriegskarren spannen und verweigert den Dienst. Eine seltsame "Seuche" beginnt zu grassieren, lässt Erschossene nicht mehr sterben und stürzt den Kaiser in tiefe Verzweiflung. Bis der Tod ein Angebot unterbreitet: Er nehme seine Arbeit wieder auf, wenn der Herrscher dafür als Erster stürbe. Der tut das auch, mit einer leisen Hoffnung auf Wiederkehr.

Wäre diese Oper unter normalen Umständen entstanden, man würde ihren Pazifismus würdigen, das Stück jedoch davon unabhängig auf sich wirken lassen. Beim "Kaiser von Atlantis" sind Botschaft und Bühnenwerk aber untrennbar verschmolzen. Der Einakter ist ab 1943 im KZ Theresienstadt entstanden und dort noch geprobt worden - 1944 starb Ullmann im Gas von Auschwitz. Wenn ein Harlekin in seinem letzten Werk über die bittere Welt scherzt, ist dies das Nonplusultra des Galgenhumors. "Der Kaiser von Atlantis" erinnert nicht nur an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Er setzt auch der Widerstandskraft des menschlichen Geistes ein Denkmal. Dass Ullmanns einstündige Nummernoper, rein formal betrachtet, sehr kleinteilig geraten ist und nicht jede Melodie an große Vorbilder wie Kurt Weills "Dreigroschenoper" heranreicht: Wer könnte es ihr im fahlen Licht ihrer Entstehung verübeln?

Kriegsgräuel, auch in Syrien

Seit Mittwoch ist dieses Atlantis auf der schmalen Bühne der Wiener Kammeroper beheimatet. Rainer Vierlinger vermeidet eine Betroffenheitsregie und lässt Krieger und Kaiser in zeitlosen Kleidern (Susanna Boehm) auftreten. Videos im Hintergrund (Cosimo Miorelli) treiben dazu ein ahnungsvolles Spiel: Die Bilder wachsen und wandeln sich wie in den Animationsfilmen von William Kentridge. Helme, Fratzen und Waffen tauchen auf, auch Ruinen, die an die Häusergerippe von Aleppo erinnern. Der Kaiserthron auf der Bühne ist ganz buchstäblich auf Sand gebaut: Ein Scherge schaufelt in der grauen Masse herum, der Stuhl des Diktators wackelt darauf.

Was weitgehend gelingt: Vierlingers Abstraktion erzielt Bühnenwirkung, ohne den holzschnittartigen Charakter des "Kaisers" zu verleugnen. Manches versandet dann aber doch im Karikaturhaften, wie die Figur des Kaisers: Der reißt die Augen so sperrangelweit auf, als gelte es, den Titel des weltirrsten Diktators zu erringen.

Schade auch, dass die Stimmen von Tod und Soldat (trotz einer respektablen Mittellage) weder die Spitzentöne noch Grabesbässe überzeugend meistern. Das geschmeidigste Timbre bringt noch Matteo Loi (Kaiser Overall) ein, die vitalsten Töne wohl Anna Marshaniya (Trommler). Insgesamt trotzdem eine lohnende Werkschau, mit verdientem Beifall für das Wiener KammerOrchester: Unter der Leitung von Julien Vanhoutte lässt es Ullmanns Schlager-Expressionismus buntscheckig schillern.