Kaum eine zeitgenössische Schriftstellerin erschafft so kraftvolle und dabei schillernde Frauenfiguren wie Sofi Oksanen. Die finnisch-estnische Autorin feierte 2009 ihren internationalen Durchbruch mit dem packenden Roman "Fegefeuer", in dem sie mithilfe einer alten, übellaunigen Bäuerin und einer dem Menschenhandelterror entkommenen, wehrhaften jungen Frau die wenig beachtete Geschichte Estlands aufrollt. Auch in ihrem ersten Roman "Stalins Kühe" verknüpft sie das allzu heutige Schicksal einer jungen Frau mit der Besetzung Estlands im Zweiten Weltkrieg. Es ist also eine einleuchtende Wahl, Oksanen als eine der fünf Frauen auszuwählen, die gemeinsam ein Auftragsstück für das Burgtheater gestalten sollten. "Ein europäisches Abendmahl" soll nämlich die Situation von Frauen im heutigen Europa in verschiedenen Gängen servieren. Die "Küchenchefinnen" sind neben Oksanen Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek und Terézia Mora.

Fruchtbare Ukraine


Was die anderen Kolleginnen schreiben würden, das wusste Oksanen nicht. Auch sie wird das Stück in seiner Gesamtheit am Freitag bei der Premiere zum ersten Mal sehen. Im Mittelpunkt ihrer "Episode" steht die Ukrainerin Daria, eine junge Frau, die sich einer strengen und reichlich indiskreten Befragung unterziehen muss. Das "Hearing" dient dazu, herauszufinden, ob sie als Eizellenspenderin taugt.

Das Thema beschäftigt Sofi Oksanen seit der Recherche für ihren Roman "Die Sache mit Norma": "Ich stellte fest, dass es in der Ukraine die liberalsten Gesetze bei Fruchtbarkeitsbehandlungen gibt. Da gibt es praktisch kein Alterslimit, man kann sich das Geschlecht aussuchen, es gibt einen riesigen Schwarzmarkt für Eizellenspenden. Ich habe mich fast geschämt, denn ich habe schon so viel über Menschenhandel und Frauenrechte geschrieben, und dieser Teil der Problematik war mir überhaupt nicht bewusst gewesen." Tatsächlich verkaufen Frauen, die Eizellen spenden, in gewisser Weise ihren Körper, die ganze Prozedur ist mit deutlich mehr Komplikationen verbunden als die Samenspende bei Männern. "Ich wusste nicht, dass das bereits eine richtige Industrie ist. Unser Rechtssystem kommt gar nicht hinterher. Und das Geschäft wird immer größer werden. Immer mehr Frauen in westlichen Ländern machen erst Karriere und sind älter, wenn sie ihre Kinder bekommen. Weil es in ihren eigenen Ländern teuer ist und mit vielen Regelungen befrachtet, werden sie immer häufiger in billige Länder gehen. Finnen gehen meistens nach Estland, Russland, auch Lettland ist populär. Ich habe mich nicht in die Forschung eingelesen, aber ich denke, ohne Frauen wird das in naher Zukunft nicht machbar sein. Ich weiß nichts von Massen-Eiproduktion außerhalb von Frauenkörpern."