• vom 26.01.2017, 16:15 Uhr

Bühne

Update: 26.01.2017, 16:55 Uhr

Theaterkritik

Shakespeare auf Speed




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Von Petra Paterno

  • Herbert Fritsch inszeniert Shakespeares "Komödie der Irrungen" mit Pomp und Trara im Burgtheater.

An der Nase herumgeführt: Sebastian Blomberg (l.) und Simon Jensen.

An der Nase herumgeführt: Sebastian Blomberg (l.) und Simon Jensen.© Reinhard Werner An der Nase herumgeführt: Sebastian Blomberg (l.) und Simon Jensen.© Reinhard Werner

Täteräta. Tätä. Der erste Auftritt gehört den Blechblasinstrumenten - und dem Misston. Eine Installation aus übereinander gestaffelten Posaunen und Trompeten steht auf der Bühne des Burgtheaters und gibt herzhaft quäkende Töne von sich. Dann turnt der Schauspieler Merlin Sandmeyer auf dem Galgen herum, ein weiteres markantes Requisit auf der sonst weitgehend leeren Bühne: "Juhu, ich hänge."

Nacheinander entert die Meschpoche die Bühne, das Spiel beginnt. Am Spielplan steht Shakespeares "Die Komödie der Irrungen", gegeben wird ein nach allen Regeln der Kunst verblödelter Abend. Der deutsche Regisseur Herbert Fritsch, der am Burgtheater zuletzt Molières "Der eingebildete Kranke" inszenierte, bringt nun erstmals ein Stück von Shakespeare heraus und "fritschisiert" es in gewohnter Manier: Alles ist grell, bunt, extrem stilisiert, äußerst amüsant - und garantiert nicht realistisch.

Information

Mehr über Shakespeare in unserem Dossier.

Theater
Die Komödie der Irrungen
Burgtheater, Wh.: 27. Jan., 4. Feb.

Ihr Anfall, bitte

Fritsch gehörte viele Jahre zu den prägenden Akteuren von Frank Castorfs Berliner Volksbühne, die körperbetonte Spielweise und ein Hang zur Übertreibung sind ihm wohl aus dieser Zeit geblieben. 2007, mit 56 Jahren, begann dann seine Karriere als Regisseur. Zunächst tingelte er durch die deutsche Provinz und tüftelte an seinem Stil, den er seitdem konstant weiter ausfeilt. Mittlerweile arbeitet Fritsch in den Theatermetropolen München, Berlin, Zürich, Wien.

Seine Bühnenwerke sind eklektisch und wildern in sämtlichen Unterhaltungsformen - von der Artistik des Vaudevilles, den Posen der Commedia dell’arte bis hin zum Pathos der Stummfilmstars. Jedes Genrezitat wird immer auch schon parodiert, sexuelle Anspielungen häufen sich mit Vorliebe an unpassenden Stellen. Auch bei der "Komödie der Irrungen" wird ausgiebig auf der Bühne gegrapscht, geknutscht, kopuliert - immer in voller Bekleidung und hochstilisiert. Michael Masula spielt den Herzog, seine Machtposition versinnbildlicht ein überdimensionierter Phallus.

An Shakespeares Zeiten erinnern die Kostüme von Bettina Helmi: Mann trägt kurze Pumphosen, Rüschenkragen und hantiert mit Degen, die Frauen rascheln mit Reifröcken und wippenden Lockenperücken durch die Szenerie, alles leuchtet grellbunt, alle sind ziemlich überschminkt.

Shakespeares "Komödie der Irrungen" (1594) gilt als Frühwerk und Fingerübung, die sich an die antiken Lustspiele des Plautus anlehnt. Die Verwechslungskomödie folgt einem weidlich bekannten Schema: Ein Schiffbruch entzweit eine Familie; viele Jahre später begibt sich der Bruder auf die Suche nach dem verlorenen Zwillingsbruder und findet ihn in der Hafenstadt Ephesus. Shakespeare potenziert das Motiv, indem er den Brüdern ein Dienerpaar - ebenfalls Zwillinge - zur Seite stellt.

Die beiden Paare besetzt Regisseur Fritsch mit Doppelrollen; eine nicht unübliche Praxis, um der ganzen Sache etwas mehr Witz abzuringen. Nur verlaufen bei Fritsch mitunter die Wechsel zwischen den Rollen so rasant, dass man für Momente den Überblick verliert, wer nun wer ist. Mal bewegen sich die Akteure wie in Zeitlupe, dann wiederum, als wären sie auf Speed. Tempowechsel wirken sich auch auf die Sprache aus: Manchmal wird eine Passage überdeutlich artikuliert, während die nächste so rasant gesprochen wird, dass nur mehr einzelne Laute zu vernehmen sind.

Sebastian Blomberg, derzeit Ensemblemitglied im Münchner Residenztheater, verkörpert bei seinem Burg-Debüt die Doppelrolle des Antipholus mit penetrantem Charme - was in diesem Fall als Kompliment gemeint ist. Als exzellenter Bühnenpartner erweist sich der junge Burg-Schauspieler Simon Jensen in der Doppelrolle als Diener Dromio. Jensen hüpft, zappelt und rappt sich als Hanswurst tolldreist durch das Stück, ein haltloser Spaß. Auch das Frauentrio - Dorothee Hartinger, Stefanie Dvorak und Marta Kizyma - besticht durch Affektiertheit, Hysterie und gekonnt platzierte Anfälle.

Zwei Stunden lang regieren Größenwahn und pompöse Gesten. Ein großer Unsinn? Gewiss. Aber auch hoch komisch.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-26 16:21:05
Letzte Änderung am 2017-01-26 16:55:53


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