Bartabas singt nicht. Muss man darauf wirklich eigens hinweisen bei einem Pferdeballettchef? Sollte man doch, denn am Ende des szenischen Abends mit der "Académie équestre de Versailles" und dem Mozart-Requiem, mit dem am Donnerstag in der Salzburger Felsenreitschule die Mozartwoche begonnen hat, gibt es eine Überraschung...

Da steigt nämlich Marc Minkowski herunter vom Dirigentenpodium, stapft durch die Sägespäne, bezieht Position vor den acht Edelpferden und gibt den Auftakt zu Mozarts "Ave verum". Nein, die Pferde, wohldressiert wie sie sind, bleiben mucksmäuschenstill. Es singen die Reiterinnen, die damit ihre Fähigkeit zum künstlerischen Multi-Tasking aufs Eindrucksvollste unterstreichen. Haben sie doch die Stunde zuvor als Pferde-Führerinnen und Balletteusen/Pantomiminen mindestens so hohen Anteil am Szenischen gehabt wie die edlen Rösser.

Dies also hat sich Marc Minkowski zum Abschied (er ist das fünfte und letzte Jahr künstlerischer Leiter der Mozartwoche) gewünscht: einen Auftritt der wunderbaren Pferdeballett-Compagnie aus Versailles, und dazu Mozarts "Requiem".

Darf man das?

Das Requiem hält Galopp aus


Das Requiem ist eine so starke Musik, dass sie auch gestreckten Galopp leicht aushält. Diesen hört man sowieso nicht, weil genug Sägespäne da sind und die Pferde dämpfendes Schuh-, Pardon Hufwerk tragen. Auf Leisheit sind sie zumindest ebenso getrimmt wie auf Synchronisation.

Der Pferdeflüsterer Bartabas ist ein immens musikalischer Choreograph. Weder die Pferde noch die acht Amazonen mit wallendem Haar und langen Röcken, die ihre Erscheinung noch schlanker wirken lassen, tun irgendetwas, was der Musik widerspräche. Wenn es in der Partitur polyphon wird, dann lösen sich die Zug-Formen, sind kunstvolle Schrittfolgen und Kreisbewegungen angesagt. Es macht nicht wenig Effekt, wenn am Beginn des "Lacrimosa" die Damen auf dem Pferderücken liegen und sie - da die Rede von der Auferstehung ist - erst ihre Arme emporstrecken und sich allmählich aufrichten. All das wird von einer farblich warmen Beleuchtungsregie gediegen unterstützt. Bertrand Couderc ist der Lichtkünstler.

Einprägsames Figurenwerk, intuitive Musik-Umsetzung also in jedem Takt, souverän ruhevoll. Bartabas’ Pferdeballett ist natürlich in erster Linie dekorativ, also L’art pour l’art in Reinkultur. Vielleicht deshalb empfindet man des Pferdechoreographen Idee zum "Agnus" als eher krude. Da lässt er drei Skelette reiten. Den knochigen Flügelstummeln nach sind es Himmelsboten. Werden uns gläubigem Fußvolk als "Lamm Gottes" zu Bein gewordene Ex-Barockengel dargereicht? An Ironie mag man nicht recht glauben.

Viel Zutrauen Erweckendes kommt aus den Arkaden der Felsenreitschule, von wo aus "Les Musiciens du Louvre" und der Salzburger Bachchor in durchmischter Aufstellung trotz gewaltiger Cinemascope-Dimensionen bewundernswerte Präzision liefern: Eine voll gültige Originalklangdarbietung, zu der das Solistenquartett Genia Kühmeier, Elisabeth Kulman, Peter Sonn und Charles Dekeyser das Ihre beitragen.

Pferdeballett

Requiem

Von W. A. Mozart

Académie équestre de Versailles

Bartabas (Choreograp)

Marc Minkowski (Dirigent)