Zugegeben, die Zeiten sind verwirrend. Wer heute in Wien-Neubau einen Caffè Latte trinkt und dabei gegen Donald Trump twittert, darf sich als Linker fühlen. Als Rechter wiederum gilt, wer den Rattenfängern der Unterschicht auf den Leim geht. Waren nicht früher die Linken für die Armen da? Und bedeutete "rechts" nicht konservativ?

Das war schon so, man muss nur in die Nachkriegszeit blicken. Der Autor Giovannino Guareschi hat sich damals auf die Verhältnisse in Italien einen humoristischen Reim gemacht und ein Dorf mit den Streithähnen Don Camillo und Peppone erfunden. Im konservativen Eck ein Kleriker, der die Kirche nötigenfalls mit der Faust gegen den Ansturm des Proletariats verteidigt (und von Jesus selbst getadelt wird, wenn er über Grenzen hinausschießt). Links der Bürgermeister Peppone, schon anhand seines Stalin-Schnauzers als Kommunist zu erkennen und entsprechend darauf erpicht, das Opium Religion auszutreiben. In fünf Filmkomödien, bis 1965 mit Fernandel als Haudrauf-Hochwürden, bescherte der Konflikt nicht nur heitere Reibereien, sondern auch Optimismus: Gerieten die Lager an den Rand des Bürgerkriegs, schüttete die Menschlichkeit in letzter Sekunde die Gräben zu.

Musikmeterware

Seit Freitag zeigt das Ronacher eine Musicalfassung des Stoffes - man darf das wohl auch als Appell an den Humanismus in Zeiten neuer Lagerkämpfe deuten. In erster Linie geht es aber darum, ein Haus zu füllen. Und das ist nicht ohne. Immerhin bespielen die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) zwei Musical-Theater mit sogenannten Longrun-Produktionen - Stücken also, die monatelang um Publikum buhlen. Die populäre Figur des Don Camillo kann da schon die Erfolgschancen steigern. Diese wachsen noch, wenn sich ein guter Melodienschmied einstellt. Die VBW haben den 70-jährigen Dario Farina verpflichtet. Der schuf früher einmal Italo-Pop-Hits für Al Bano & Romina Power ("Felicità", "Tu soltanto tu"), auch Musik für Howard Carpendale und für Film- und TV.

Für die Musicalbühne war Farina fleißig. Nicht weniger als 45 Mal wird in "Don Camillo" (im Vorjahr schon beim Kooperationspartner in St. Gallen zu sehen) gesungen. Nur leider ist diese Musik Meterware, wie sich schon bei Camillos Auftritt herausstellt. "Wenn ich könnte, wie ich wollte" erzählt unfreiwillig auch von den Mühen eines Komponisten in Sachen Power-Rock. In weiterer Folge werden entweder Gemeinplätze des Italo-Pops aufgewärmt, wobei der Genuss dem einer Tiefkühlpizza aus der Mikrowelle nahekommt. Oder die Musik rutscht dermaßen seelenlos zwischen den harmonischen Stufen eins bis sechs herum, dass man meint, ein Computer habe sie geschrieben. Tiefpunkt: Peppones "Heimat", eine abwärts geschmetterte Tonleiter auf feisten Symhonic-Rock-Beinen (wacker: das VBW-Orchester unter Koen Schoots). Die Texte von Michael Kunze wiederum geraten an Zumutbarkeitsgrenzen, wenn es ans Romantische geht: Zwei Jungverliebte versichern sich ihrer Liebe, indem sie "ein Haus aus Mondlicht" bauen wollen. Angesichts solcher Töne (und Pointen, die sich bereits lange vor ihrer Veräußerung ankündigen) wirkt der Konflikt von Camillo und Peppone von Anfang an paralysiert. Besser gesagt: kandiert.

Energie auf verlorenem Posten

Dabei stehen die Theaterräder keineswegs still. Beschert die Drehbühne gerade keinen eleganten Szenenwechsel (Peter J. Davison), beweisen Tänzer Elan (Dennis Callahan) und bewegen sich die Darsteller auf den Bahnen der routinierten Regie (Andreas Gergen).

Dabei wird so ziemlich alles erzählt, dessen man sich aus den Filmen erinnert. Das Hochwasser, der Geldfund, der Arbeiter-Generalstreik . . . Schön zwar: Andreas Lichtenberger steigert mehr und mehr seine Betriebstemperatur, schwingt sich auf zu einem volltönenden, agilen, fast schon dämonischen Camillo. Frank Winkels dagegen wirkt oft wie festgeklemmt im Klischee des knurrigen Peppone, und die zwei Jungverliebten (Jaqueline Bergrós Reinhold und Kurosch Abbasi) arbeiten sich im Zuckerbergwerk des Kitsches ab. Wirklich entzückend: Ernst Dieter Suttheimer als alter Knabe, der den Tod verweigert; und die großartige Maya Hakvoort könnte als Erzählerin glänzen - wäre sie nicht mit einer Melodie geschlagen, die einer Joghurt-Werbung besser anstünde. Am Ende Worte, die einem aus der Seele sprechen: "Hurra, es ist vorbei!"