Alarm am Heiligen Abend. Ein Kommissar (Bernhard Schir) verhört eine mutmaßliche Attentäterin (Maria Köstlinger). Er hat 90 Minuten Zeit, um möglicherweise einen Terrorangriff zu verhindern.

Daniel Kehlmanns jüngstes Drama "Heilig Abend", das heute, Donnerstag, im Theater in der Josefstadt von Intendant Herbert Föttinger uraufgeführt wird, verhandelt eine brisante Verhörsituation. Er thematisiert dabei auf packende Weise ein Unbehagen in der Gesellschaft.

Der Bestseller-Autor äußerte sich im E-Mail-Interview offen über seine Terrorängste und die Bedrohung der Demokratie.

"Wiener Zeitung":In "Heilig Abend" versucht ein Kommissar mit allen Mitteln, eine angebliche Terroristin zu einem Geständnis zu bewegen. Haben Sie sich mit Verhörmethoden beschäftigt?

Daniel Kehlmann: Ja, das habe ich. Ich habe Verhörexperten befragt und auch mit Leuten gesprochen, die selbst verhört wurden, zum Beispiel von der Stasi. Die Techniken, die mein Polizist anwendet - zum Beispiel der unerwartete Wechsel zwischen Freundlichkeit und Härte oder auch die unmotivierten Themenwechsel -, sind gebräuchliche Verhörtaktiken.

Es ist geradezu unheimlich, in welch hohem Maß das Leben der Verdächtigen von den offiziellen Stellen durchleuchtet wurde. Was denken Sie über die Abhörmethoden von NSA & Co.?

Genau das: Es ist unheimlich. Dadurch, dass sich inzwischen ein so großer Teil unseres Lebens im Internet abspielt, ist unser Leben auch sehr transparent geworden. Wenn wir nicht klare Regeln schaffen, welche Daten gesammelt werden dürfen und welche nicht, räumen wir dem Staat gefährliche Macht ein.

In dem Zweipersonenstück geht die Bedrohung einmal nicht von islamistischen Terroristen aus, sondern von einer gutbürgerlichen Hochschulprofessorin, die sich in ihren Seminaren mit linken und radikalen Theorien beschäftigt. Man fragt sich gegenwärtig tatsächlich: Was ist mit den Linken los? Was ist mit der - wie es in Ihrem Stück an einer Stelle heißt - "Wut von vorgestern"?

Die Linke ist im Augenblick wie gelähmt, deshalb verliert sie ihren Einfluss an rechte Populisten. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten: Das garantierte Mindesteinkommen zum Beispiel ist keine leere Utopie - es ist wirtschaftlich machbar, es würde viele unserer Probleme auf einen Schlag lösen. Aber kaum jemand fordert es. Ich verstehe nicht, warum.