Am 26. Mai 1828 fällt ein verwahrloster Teenager in Nürnberg auf. Er gibt nur unverständliche Laute von sich, wirkt völlig verstört und wird schließlich zur Polizeistation geschafft. Er sei, so lange er sich erinnern könne, in einem Kellerverlies festgehalten worden, in dem er nicht einmal habe stehen können, gibt er zu Protokoll. Das geheimnisvolle Auftauchen von Kaspar Hauser schürt die Fantasie: Die einen halten ihn für einen "Edlen Wilden", die anderen glauben, er sei ein Betrüger, wieder andere berufen sich auf die Theorie, er sei in Wahrheit der Erbprinz von Baden und, wie in einem Schauermärchen, bei der Geburt vertauscht worden. Sein Tod - 1833 stirbt er vermutlich im Alter von 21 Jahren an den Folgen einer Stichwunde - besiegelt seinen Mythos.

Hauser als Kunstsujet

Bereits ein Jahr nach Kaspar Hauser Tod entsteht ein Bänkellied; Gedichte folgen von Künstlern wie Paul Verlaine, Georg Trakl und Rainer Maria Rilke. Walter Benjamin und Peter Handke, Dschingis Khan und Werner Herzog greifen die Geschichte auf und projizieren ihre Fantasien auf das traurige Schicksal des Findelkindes. Nun hat die norwegische Performerin Lisa Lie, 37, das Sujet für das Wiener Schauspielhaus bearbeitet. Die knapp zweitstündige Aufführung von "Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen" ist ein Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte, betrieben mit enormem Aufwand und ungewissem Ausgang.

Auf der leer geräumten Bühne dominert eine weiße Skulptur, die aussieht wie ein überdimensioniertes Geäst und als Klettergerüst bespielt wird. Erster Auftritt: Die Schauspielerin Vassilissa Reznikoff, verhüllt von einem Umhang, klettert auf den höchsten Punkt des Gerüsts und hält einen bemerkenswert sprunghaften Monolog. Regisseurin und Autorin Lisa Lie vollzieht in ihrer Hauser-Bearbeitung offenbar einen Perspektivwechsel: Nicht das geschundene Kind steht im Zentrum, sondern vielmehr dessen Mutter.

Da es über Hausers Mutter keinerlei historisch verbürgte Fakten gibt, lässt Lie ihren Assoziationen freien Lauf und wartet mit harten Bandagen auf: Aus dem Motiv der allmächtig bösen Mutter, die ihr Kind im Stich lässt, entwirft Lie merkwürdige Herr-Knecht-Szenarien, die von der Steinzeit bis zur Gegenwart Gültigkeit haben sollen. Ein hehrer Anspruch, der sich allerdings in ziemlich prätentiösen Textpassagen niederschlägt: "Es ist Kunst. Es stellt absolut nichts dar. Darüber können wir nachdenken", heißt es etwa an einer Stelle.

Anfangs agieren die vier Akteure wie wilde Tiere, sie tragen Fellkostüme, sind geschminkt wie Amazonas-Indianer auf Kriegspfad und gut 20 Minuten nur damit beschäftigt, in Plastik eingeschweißte Gurken zu futtern, was ihnen unvorstellbare Mühen bereitet. Auf das Gurkenmassaker folgen Spielereien mit Lehm, die ein wenig an Sandkastenspiele von Kleinkindern erinnern.

Schließlich fallen die Felle, die Akteure tragen hautfarbene Unterwäsche und der Abend nimmt Fahrt auf. Zu jaulenden Rocknummern wird Luftgitarre gespielt, die Akteure bespringen einander und brüllen wie Sid Vicious auf Speed. Szenenwechsel, Musikwechsel: Nun wird Twerking betrieben, die hohe Kunst des Popowackelns zu saftigen Rap-Beats. Bald darauf folgt klassische Musik, die vier Akteure versuchen sich nun als Balletttänzer, wobei die eleganten Posen kaum verhüllen, dass es ihnen im Grunde nur darum geht, den anderen heimlich in die Eingeweide zu treten oder zu boxen. Jeder gegen jeden.

Lisa Lie ist in Norwegen bekannt für ihre eigenwilligen Verschränkungen von Trash und Philosophie, angereichert mit Zitaten aus Hoch- und Popkultur. Ihre Herangehensweise durch Improvisation und "sensorische Erfahrungen", wie es im Programmheft heißt, führt im Fall von Kaspar Hauser indes zu eher zweifelhaften Ergebnissen. Der künstlerische Mehrwert des ekstatischen Bilderbogens bleibt fraglich.