Aleksandra Corovic besteht auf dem Recht der Selbstbestimmung.
Aleksandra Corovic besteht auf dem Recht der Selbstbestimmung.

Beim Psychiater trifft die verhuschte Antigone auf die munter plappernde Iphigenie. Deren Mutter schildert dem Seelenarzt wohl eben die Sache mit ihrem vertriebenen Sohn. Nach und nach tauschen Antigone und Iphigenie die Familienmythen aus. Der von Antigone wächst zum Mittelpunkt. Der Platzanweiser hakt die Kapitel ab. Antigone, nervös und gefangen in einem Moralkodex, der sie zu einer Stellung außerhalb der Gemeinschaft zwingt und keine Kompromisse duldet, will sich eine Entspannungszigarette anstecken. Der Platzanweiser gestattet es ihr nicht. Antigone handelt dem Verbot zuwider.

Was folgt, ist eine Szene von kaum erträglicher Brutalität. Der Platzanweiser schlägt Antigone zusammen. Es ist, als wolle er ihr die Seele, die sie als kostbarstes Gut schützen wollte, aus dem Leib prügeln. Es dauert endlos. Er genießt es. Genießt sie es, Opfer zu sein? Man wendet die Augen ab, will aus dem Bronski & Grünberg Theater hinauslaufen und bleibt dennoch sitzen, schaut zu. Macht sich damit schuldig auch? Eine Gratwanderung.

Am Schluss steht sie da, eine Ruine, blutbeschmiert, doch in all ihrer Schönheit und Stärke. "Musstest Du so provozieren", dümmelt Iphigenie und folgt brav ihrer Mutter hinaus.

Der Text des Deutsch-Griechen Aristoteles Chaitidis ist von großer poetischer Kraft und auch Zartheit. Die Gewaltentladung, die wie aus dem Nichts kommt und an die erschreckendsten Momente bei Fernando Arrabal erinnert, verstört, als würden die Faustschläge dem Zuschauer gelten. Steve Schmidt hat das perfekt in Szene gesetzt. Aleksandra Corovic als Antigone beherrscht mit ihrer dunkel verrätselten Aura die Bühne. Julia Edtmeier ist neben ihr wie ein Lichtstrahl, der aber doch keine Hoffnung bietet. Jan Walter (Platzanweiser) und Alfred Pschill (Klytämnestra) ergänzen. Applaus im Schockzustand.