Der allmächtige Staat setzte sich sofort dreifaltig in Szene: Fürst, Minister, Staatssekretärin. Nachhallig verstärkt verkünden Jan Thümer, Thomas Frank und die wie eine Sprachpuppe in eine Krinoline gesteckte Claudia Sabitzer: Aufklärung ist Gesetz, wer an die Existenz von Feen, Gnomen, Einhörnern etc. glaubt, riskiert Ausgrenzung, Vertreibung. Gleich darauf ein Grenzzaun. Elendsgesichter, Verzweiflungsgesten. Eine Glücksfee, Anja Herden als mondäne Dame, wirft ihren Schützling Klein Zaches als Zwergenpuppe der jenseits des Maschendrahts heulenden Mutter zu. Als "Zeitbombe".

Sein roter Wuschelkopf birgt den Erfolgszauber. Klein Zaches, bald Zinnober geheißen, das ist der hinreißende Augenverdreher Gábor Biedermann, räumt jeden beiseite, der seinem Aufstieg im Wege steht. Auch Candida, das schönste Mädchen im Ländchen Irgendwo, zwingt er leicht in seine Bahn. In botanische Wissenschaft vergraben, ist ihr Vater (Stefan Suske) noch stolz darauf. In diese Candida (Evi Kehrstephan) hat sich jedoch schon ein Schwarmgeist, angehender Dichter, Systemverweigerer verliebt: Balthasar (Christoph Rothenbuchner), Zimmergenosse von Zinnober und Fabian (Luka Vlatkovic), einem als dialektischer Widerpart konstruierten Jungknecht der fürs Wunderbare blinden Vernunft.

Also Ring frei für turbulenten Bühnenzauber, der ein Dutzend Bühnenarbeiter und das Publikum zwei Stunden lang in Atem hält. Herangerollt, geschoben, gehievt: Telefonzelle, Mini-Fiat, Badebottich, Straßenbahnkabine, Glashaus, Belcanto-Gondel, Airstrip-Gangway. Auch Hase, Taube, Hirsch, Käfer, fliegende Tassen, Rauch aus der Robe. Regisseur Victor Bodo lässt alle Puppen tanzen! Fechtszenen, Salti, Wiener Walzer, Techno, Mozart. Günter Franzmeier rockt an der E-Gitarre (Szenenapplaus!) und hält bis zur Erschöpfung den Ton im "Kleinzack"-Lied aus Offenbachs "Erzählungen". Süffisante Musikakzente (von Klaus von Heydenaber) aus dem Graben. Und viel, viel Video. Pablo Leiva saust mit der Handkamera durch die Szenen, ein genialer Bildschöpfer!

Wer Hoffmanns 80-Seiten-Märchen kennt, muss es lieben. Mit allen Bizarrerien, die nur Hollywoods Computeranimateure wortgetreu ausmalen könnten. Das Volkstheater annonciert "Klein Zaches - Operation Zinnober nach E. T. A. Hoffmann" als Uraufführung. Eine Mogelpackung. Schon 1985, frisch aus der Budapester Theaterakademie, Abteilung Dramaturgie, schrieb Pétér Kárpáti "Zinnober" als politische Hoffmann-Hommage und -Parodie, mit philologischer Sorgfalt und in jugendbewegtem Überschwang. Vor der Wende ein Wagnis, das System des Langzeit-Führers János-Kádár bloßzustellen! Wie Kanonen sind Poesie, Fantasie, Sex, romantische Liebe, Freiheitsbestemm gegen die sich auf fadenscheinige Wissenschaftlichkeit berufende Zwangsideologie in Stellung gebracht. In einer offenen, freien Form: Revue, Musical, Akrobatik, Pop. Wiederstandwille gegen den Filz der Macht beflügelt noch fröhlich das Wiener Remake. Sonst wäre es nicht auszuhalten.

Klassenfeind

Balthasar 1985: ein Konterrevolutionär, ein Klassenfeind. Ihm hilft ein Zauberer: der Portier des Studentenheims in der für den Ostblock typischen Trainingshose. Die reizvolle Candida wird als mechanische Puppe vorgestellt wie Olimpia in Offenbachs Oper. Das im Finale gefeierte Jubiläum der Aufklärungsdoktrin hat sich 1985 wohl auf die geplanten Gedenkfeiern der Sieger über die Revolte von 1956 bezogen.

Den tonreinen Realsatiren auf Bürokratie, Karrierismus, politische Schleimerei sieht man die Ostblock-Vergangenheit an. Erlöst von diesen Plagen ist auch nicht Wien heute. Kárpáti toppt seinen "Ur-Zinnober" mit Flüchtlingselend, dem Thema Nr. 1 nicht nur der VT-Dramaturgie. Wenn jedoch Zinnober in blauer Jacke mit dem Ruf "Wo geht es zur Hofburg?" auftritt und als "Missgeburt" fortgeschickt wird, ist eine Grenze überschritten. "Der Kurt ist furt, die Missgeburt, jetzt geht’s uns gurt", reimten die Nazis über den letzten Kanzler der Ersten Republik. Reicher Premierenapplaus, auch für die dienstbaren Bühnengeister.

theater

Klein Zaches -

Operation Zinnober

Von Péter Kárpáti nach E. T. A. Hoffmann

Wh.: 14., 19., 25. Feb., 2., 4., März