Werner Egks Karriere begann im "Dritten Reich" und dauerte bis lange nach 1945. - © ullstein bild
Werner Egks Karriere begann im "Dritten Reich" und dauerte bis lange nach 1945. - © ullstein bild

"Ich bin ganz begeistert und der Führer auch. Eine Neuentdeckung für uns beide", notiert Propagandaminister Joseph Goebbels am
1. Februar 1939 in seinem Tagebuch. Hitler war tatsächlich wie aus dem Häuschen gewesen. Er hatte den Komponisten nach einer Vorstellung in seine Loge in der Berliner Staatsoper gebeten und ihm mit Handschlag gratuliert. Endlich hatte das NS-Regime eine international herzeigbare Oper auf der Basis seiner Ideologie.

Der Komponist war Werner Egk.

Das Werk ist "Peer Gynt".

Es hat am 17. Februar im Theater an der Wien Premiere.

Großer Bahnhof für eine NS-Propagandaoper? Darf das sein? Soll man - darf man differenzieren? Differenzieren zwischen dem Fundament des Ungeistes, dem dieses Werk entwachsen ist, und dem Werk selbst, das eine der repertoiretauglichsten Opern der deutschsprachigen Produktion nach 1900 ist?

Durch die Geschichte flanieren

Über das Nahverhältnis Werner Egks zum Nationalsozialismus gibt es keinen Zweifel. Er selbst stellte sich in seiner Autobiografie "Die Zeit wartet nicht" (1973) dar, als sei er durch die NS-Zeit flaniert mit ein paar Kontakten, die ihm mehr oder minder lästig waren - ungefähr so, wie wenn man im Kaffeehaus sitzt, die Zeitung lesen will, der Ober aber in regelmäßigen Abständen fragt, ob man noch etwas wünscht.

Egk saß jedoch nicht belästigt im NS-Café, er kostete sich hungrig und durstig durchs Angebot: 1933 schrieb er das NS-Weihespiel "Job der Deutsche", 1941 die Musik zum HJ-Propagandafilm "Jungens" mit dem "Marsch der deutschen Jugend" zum Text "Fahren, Fahren wir, Die Fahne weht voran! Groß-Deutschland heißt unser stolzes Schiff, drauf stehn wir, Mann für Mann". Er komponierte für die Olympischen Spiele 1936 eine "Festmusik" mit "Waffentanz" und "Totenklage" und für die Schandschau "Entartete Musik" die Kantate "Natur-Liebe-Tod". In den Opern ist Egk stets sein eigener und sprachlich begabter Librettist - damit ist er aber auch der Alleinverantwortliche dafür, dass er in seiner Oper "Die Zaubergeige" dem Geldverleiher Guldensack antisemitische Stereotype verpasst, die bei der Uraufführung 1935 genau verstanden wurden, bei heutigen Aufführungen der zweifellos wirkungsvollen Volksoper aber kaum noch auffallen.

Schon die Wahl des "Peer Gynt"-Themas ist keineswegs zufällig. Henrik Ibsens Drama stand als "nordischer Faust" hoch im Kurs bei den Nationalsozialisten. Für Hitler war Ibsen eine Inspirationsquelle wie sonst nur noch Richard Wagner.

Egk nun signalisiert seinem "Führer" Ibsen, baut aber das Stück um und trägt dabei auf das politisch unverdächtige norwegische Mythendrama eine Schicht Nazifizierung auf. In der Regieanweisung zur Trollszene im dritten Bild des Ersten Aktes schreibt er ganz in NS-Diktion: "Die Trolle dürfen keinesfalls als Fabelwesen wirken, trotzdem sie alle mit einem beliebigen Tierschwanz geschmückt sind, sondern als die erschreckende Verkörperung menschlicher Minderwertigkeit."

Wenn Egk später ausführt, er habe mit den Trollen den Nationalsozialisten einen Spiegel vorhalten wollen, so hätte er dazu das denkbar Unpassendste komponiert: Die Trollmusik ist zusammengesetzt aus Jazz (in der NS-Diktion "Niggerjazz", gesprochen "Jatz") und einem Zitat aus einer Operette des Juden Offenbach, zu dem eine Kuh und ein Ziegenbock tanzen.

Die Szene "am Kai einer mittelamerikanischen Hafenstadt" im Zweiten Akt kommt bei Ibsen nicht vor. Egk fügt sie hinzu, um den US-amerikanischen Kapitalismus im Sinne Hitlers darzustellen, der ihn hasste - wahrscheinlich, weil er ihn als "typisch jüdisch" verstand. Der von den Trollen verführte Peer Gynt ist also vom rechten nordischen Weg abgekommen und hat sich amerikanisiert: "Die Welt regiert nicht Mitleid, nur die Tat", sagt er und "drei Kaufleute" bestätigen mit Jazzrhythmen, die bei den Nationalsozialisten austauschbar für "den Neger", "den Juden" und "den Amerikaner" standen: "Sehr gut gesagt: bravo, so ist’s im Leben, / dem Schwachen nicht, dem Starken wird gegeben".

Glück im Unglück

Egk hatte Glück im Unglück: Die nationalsozialistischen Kulturbeamten verstanden von Oper wesentlich weniger als Hitler selbst, der, wie der österreichische Komponist Gottfried von Einem anmerkte, sich recht gut auskannte. (Um nicht einem Missverständnis Vorschub zu leisten: Von Einem verachtete die Nationalsozialisten und half Juden, so gut er konnte; für die Rettung eines jüdischen Musikers nahm ihn der Staat Israel unter die "Gerechten unter den Völkern" auf.) Die Hüter des reinen Nationalsozialismus verstanden nicht, dass Egk charakteristische Musiktypen sprechend einsetzte. Sie hörten einbödig: Hier Jazz, dort Offenbach, beides verboten, also weg mit "Peer Gynt". Nach einer Aufführung in Frankfurt am Main wagte sich kein Opernhaus mehr an "Peer Gynt".