• vom 20.02.2017, 16:22 Uhr

Bühne

Update: 20.02.2017, 16:42 Uhr

Opernkritik

Bei den Konsum-Trollen




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Von Oliver Schneider

  • Das Theater an der Wien zeigt Werner Egks Oper "Peer Gynt".

Ruh- und rastlos: Bo Skovhus als Peer Gynt, daneben Maria Bengtsson als Trollkönigstochter.

Ruh- und rastlos: Bo Skovhus als Peer Gynt, daneben Maria Bengtsson als Trollkönigstochter.© Kmetitsch Ruh- und rastlos: Bo Skovhus als Peer Gynt, daneben Maria Bengtsson als Trollkönigstochter.© Kmetitsch

Still ist es geworden um den 1983 verstorbenen, im Dritten Reich wie in der Bonner Republik geschätzten Komponisten Werner Egk. Seine 1938 uraufgeführte zweite Oper "Peer Gynt" nach Henrik Ibsens gleichnamigem dramatischem Gedicht ist seit Freitag in einer in jeder Hinsicht gelungenen Inszenierung von Peter Konwitschny im Theater an der Wien zu sehen, der das Werk auf die aktuelle Bedeutung abklopft. Gynt ist ein Tagträumer, dessen rast- und ruhelose Biografie Ibsen erzählt. Egk hat dazu ein Kaleidoskop aus den in seiner Zeit aktuellen Musikströmungen in spätromantischer Nachfolge geschaffen. Man hört viel Korngold, Krenek, aber auch amerikanische Tanzmusik und Wiener Schule. Vieles wirkt plakativ und grell, genau wie die Handlung. Konwitschny hat dafür ebensolche Bilder geschaffen: Peer ist der Außenseiter, über den sich die Angepassten in an die Entstehungszeit erinnernden Kleidern lustig machen und auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Peer möchte die ebenso einsame Solveig für sich gewinnen, die Konwitschny von Anfang an als Blinde zeichnet.

Eine Brecht-Bühne

Information

Oper
Peer Gynt
Von Werner Egk
Peter Konwitschny (Regie)
Wh.: 22., 25., 27. Februar, 1. März Theater an der Wien (01/58885)

Doch noch ist es zu früh, denn Peer ist noch mehr an Ingrid, der Tochter des Trollkönigs, interessiert. In der Trollwelt holt Konwitschny unsere Realität auf die Bühne. Die Trolle sind die Konsumwütigen, die in den Kaufhäusern im Dauer-"Sale" nach knallbunten Kleidchen und anderen Schnäppchen suchen. Ihr Trollkönig hat viel von einem seit diesem Jahr im Amt befindlichen westlichen Staatschef (mustergültig Rainer Trost), Besseres verdienen sie nicht. Vor allem an dieser Szene entzündete sich die Debatte über Egks Anbiederung an das NS-Regime, denn er zeichnet die Trollwelt mit Anklängen und Zitaten damals "entarteter" Musik: von Kurt Weill über Jazz bis zu Offenbachs berühmtem Cancan. Hier will Peer nicht bleiben und baut sich und Solveig eine Waldhütte, bevor er als Reeder in die weite Welt nach Südamerika zieht, um dort das große Geld zu machen.

Helmut Brades hat für die neun Szenen einen funktional-einfachen Bühnenraum geschaffen, in dem eine Holzhütte, Schiff-Prospekte und eine Hauskonstruktion die Handlungsorte andeuten. Vieles an diesem Abend erinnert szenisch an Bertolt Brecht, vor allem die scharf gezeichneten und drastisch agierenden Personen. In der südamerikanischen "Bananenrepublik", in der sich der Präsident in der Badewanne spazieren fahren lässt, wird Peer von gewitzten Kaufleuten um sein Gold gebracht (gut Michael Laurenz, Zoltán Nágy und Igor Bakan). In der Hafenkneipe wird er Zeuge, wie sich geile Matrosen an einem kleinen Mädchen vergreifen, während er sich mit dem simplen Lied "Dein Hähnchen bin ich" selbst an die Kellnerin heranmacht.

Bo Skovhus in der Titelpartie liefert - über weite Strecken deklamierend gefordert - eine facettenreiche und berückende Charakterzeichnung. Vom kräftigen Twen entwickelt er sich zum Mann in den besten Jahren, der am Ende geläutert zu seiner Jugendliebe zurückkehrt. Im grauen Endbahnhof, dem Reich der Untoten, in dem Geld, Konsumgüter und Erfolg nicht mehr zählen, fleht seine Mutter Aase (bestimmt: Natascha Petrinsky) "Mr. President" um einen letzten Aufschub für ihren Sohn an. Dessen Rückkehr zur ergrauten Solveig führt ihn ins Altersheim.

Leo Hussain und das blendende ORF Radio-Symphonieorchester Wien bringen die unterschiedlichen Klangwelten der Bilder fabelhaft zum Leuchten. Maria Bengtsson gestaltet in Personalunion souverän Solveig und die Trollkönigstochter. Und immerhin darf sie den Abend versöhnlich lyrisch und nah am Kitsch beenden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-20 16:26:13
Letzte nderung am 2017-02-20 16:42:40



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