"Wiener Zeitung":Muss man alte Opernstoffe für ein heutiges Publikum übersetzen?

Bernd R. Bienert:Ich finde es vollkommen falsch, Theater realistisch zu inszenieren. Theater ist nicht realistisch, weder Sprechtheater noch Musiktheater, egal, ob Texte von Elfriede Jelinek, Goethe, Schiller oder Lorenzo da Ponte.

Sie inszenieren nun im Schlosstheater Laxenburg "Così fan tutte", eine der am häufigsten gezeigten Opern.

Und oft völlig missverstanden. Bei Mozart und Librettist da Ponte zum Beispiel muss man genau herausfinden, was nicht ins Textbuch hineingeschrieben wurde. Damals hat man nicht alles festgeschrieben, denn die Betreffenden wussten, was sie zu tun hatten.

Was interessiert Sie an Opern des 18. Jahrhunderts? Was an "Così"?

Ich habe ja schon als Ballett-Eleve in der Wiener Staatsoper in Opern mitgemacht und mich immer damit beschäftigt. "Così" wird heute hauptsächlich wegen der schönen Musik gespielt. Doch da Ponte wollte spielerisch etwas aussagen, sonst hätte er keinen Text dazu schreiben müssen, und auch Mozart hätte ein reines Orchesterwerk komponieren können, wenn der theatrale Aspekt unwichtig gewesen wäre. "Così" ist eine spezielle Oper, beinahe wie ein Konversationsstück, mit ungewöhnlich vielen Dialogen für ein Musiktheater. Mozarts geniale Partitur hilft auf einer bestimmten Ebene dem Verständnis, denn musikalisch geht viel, was man optisch nicht machen kann - das wollte Mozart bestimmt so. Ich inszeniere "Così", um das Werk wieder verständlich zu machen.

Man hört öfters von Regisseuren, dass sie ein Werk in die heutige Zeit übersetzen wollen.

Es ist ein Unterschied, Verdi oder Mozart zu inszenieren. Verdi war ein politischer Komponist und hat seine Stoffe immer in eine andere historische Epoche versetzt. Mozart dagegen war nicht vordergründig politisch, aber durchaus zeitkritisch. Viele Regisseure inszenieren Oper wie ein Schauspiel, ohne den Affekt der Musik zu beachten. Ich versuche, jedes wichtige Wort - das zudem auf Italienisch gesungen wird - optisch darzustellen. Ich bin überzeugt, dass man den Text durch die Bewegung sinnbildlich übersetzen muss, damit das Publikum den Handlungssträngen auch in den Rezitativen folgen kann.