• vom 06.03.2017, 18:00 Uhr

Bühne

Update: 06.03.2017, 18:00 Uhr

Theaterkritik

Die Theaterhölle wärmt




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Von Roberto Becker

  • Frank Castorfs siebenstündiges "Faust"-Finale an der Berliner Volksbühne.

Wer hat die Wette gewonnen? - Frank Castorf befragt Goethes "Faust".

Wer hat die Wette gewonnen? - Frank Castorf befragt Goethes "Faust". Wer hat die Wette gewonnen? - Frank Castorf befragt Goethes "Faust".

Vor zwölf Jahren hat Michael Thalheimer am Deutschen Theater in Berlin Johann Wolfgang von Goethes "Faust"-Doppel beherzt auf sein Konzentrat eingedampft und in knapp zwei Stunden als suggestiven Wort-Faust-Schlag so durchgerockt, dass man das für vollständig halten konnte. Frank Castorf macht jetzt zu seiner Abschiedsvorstellung als regieführender, stilbildender Intendant des Hauses mit dem OST-Logo überm Portal am Rosa-Luxemburg-Platz genau das Gegenteil. Er übertrifft mit brutto sieben Stunden Theaterhaft für die Billettbesitzer alle seine Russen und sonstigen Publikumsquälereien der letzten 25 Jahre. Und erntet dafür den einhelligen Jubel eines Premierenpublikums, ohne, dass in der einen Pause jemand verschwand - wie es bei seinen Einladungen zu den Wiener Festwochen ja doch schon mal zu beobachten war.

Verführung Paris

Information

Theater
Faust
Von Johann Wolfgang von Goethe
Frank Castorf (Regie)
Volksbühne Berlin

Wie zu erwarten, nimmt er die Goethe-Verse als Angebot und schert sich einen Teufel um deren Vollständigkeit. Was ja - außer Peter Stein - auch sonst niemand macht. Aber ihn kümmert auch die überlieferte Reihenfolge nicht. Dafür bringt er das Kunststück fertig, beide Teile zu verschränken und wie gleichzeitig ablaufen zu lassen. Zumindest kommen sie gemeinsam zu einem Ende. So ungefähr jedenfalls. Denn hier diskutieren Martin Wuttke und Marc Hosemann, die bis dahin als Faust und Mephisto zur Hochform aufgelaufen waren, noch, wer die Wette denn nun eigentlich gewonnen habe. Was Valery Tscheplanowa, die Margarete, Helena und Sorge aber wie die anderen auch immer wieder sie selbst war, barbusig und beherzt beendet.

Zum Faszinosum wird diese suggestiv atmosphärische Melange aus Castorf-Exerzitien, Walpurgisnacht, Selbstzitaten und einer Dosis Einblendungen a la Française auch dank Aleksandar Denić. Der hat sich seinen Platz im Olymp der prägenden Raumerfinder, gleich neben Anna Viebrock, mit seinem (heuer zum letzten Mal zu erlebenden) Bayreuther Ring-Universum, aber auch mit dem hingeträumten Paris-Wunder für Castorfs Stuttgarter Inszenierung von Gounods Faust-Oper längst gesichert.

Auch für den Goethe-"Faust" geht es wieder in die Nähe der Pariser Metrostation Stalingrad. Diesmal fahren die Züge sogar ab. Faust und Mephisto in der Metro zwischen dunkelhäutigen Fahrgästen, gemeinsam mit einem genüsslich - (im Buch der Zeiten?) lesenden, ansonsten vor allem griesgrämig am Homunculus arbeitenden Doktor Wagner (Lars Rudolph), mit Blick auf den vorbeiziehenden Eiffelturm: Das hat was.

Diese Deutschen besuchen aber nicht nur Paris, um sich verführen zu lassen. Oder durch den Schlund, dessen Leuchtschriftzug "L’Enfer" vor der urbanen Verführer-Hölle per se warnt, in genau die einzutauchen. Sie lassen ihrerseits auch das Französische, sprich den Algerienkrieg (als Filmeinspielung über bombenbastelnde und im Café platzierende Widerständlerinnen) und (über-)reichlich Émile Zola mit seiner Nana samt Entourage auch ins Stück. Durch das Faust und Mephisto eher getrieben werden, taumeln, halluzinieren, als dass sie die Welt und die Zeiten vermessen oder Land gewinnen.

Und so beleben sie dieses urbane Drehbühnen-Wunderwerk in engen Zimmern, unter roten Laternen, auf kargen Liegen oder auch im Käfig im Hof. Was dort passiert, wird, wie immer bei Castorf, mit Livekameras aufgenommenen und hochprofessionell auf die Leinwände zwischen den frei hängenden Leitungen und alten Filmplakaten übertragen. Einmal lassen sie sich von einem herrlich (selbstironisch) ausflippenden Regisseur (Daniel Zillmann als ein Fassbinder/Castorf-Verschnitt) herumkommandieren.

Absage an die Deutschstunde

Wenn endlich Spohie Rois auftaucht und Martin Wuttke endlich eine Tasse Saft aus jener Flasche bekommt, von dem auch die Hexe zuweilen nascht, dann sind alle fasziniert. Und erleichtert. Diesmal haut der Trank den Faust tatsächlich aus den Latschen und in einen anderen körperlichen Aggregatzustand, in dem er seine "Habe-nun-Ach"-Verzweiflung herauswürgt. Auch hinterm Osterspaziergang darf der Goethefan ein Häkchen machen; den sagt Castorfs Hausmusiker Sir Henry bewusst so brav auf, wie es auch der Zuschauer noch hinbekommen würde.

Frank Castorf nähert sich Goethes Faust gleichsam instinktiv und irgendwie musikalisch. Er hört in ihn hinein. Und das fabelhafte Ensemble bringt ihn zum Leuchten. Es ist natürlich keine Deutschstunde, aber eine assoziativ aufgeladene Exkursion an die Abgründe, die schon Goethe kannte und die längst auf uns zurückblicken. Martin Wuttke ist dabei nicht nur der Extraklasse-Mime auf der Höhe seiner Kunst, sondern ein wandelbares Medium, durch das seine Figur immer wieder und immer wieder anders hindurch leuchtet. Es ist ein grandioser Theaterabend von eigenständiger ästhetischer Wucht. Ein Castorf-Monument. Schade, dass man das nicht ausstellen kann.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-06 16:56:08
Letzte Änderung am 2017-03-06 18:00:09


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