• vom 06.03.2017, 18:29 Uhr

Bühne

Update: 08.03.2017, 17:54 Uhr

Cross-Dressing

Piraten und Papageien




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Von Petra Paterno

  • Wenn Frauen Männer und Männer Frauen spielen: Cross-Dressing hat am Theater eine lange Tradition.

Angela Winkler als Hamlet

Angela Winkler als Hamlet© afp/Manoocher Deghati Angela Winkler als Hamlet© afp/Manoocher Deghati

Cross-Dressing ist so alt wie das Theater selbst. In antiken Amphitheatern traten ausschließlich Männer auf - sie verkörperten auch die weiblichen Figuren, weil es Frauen nicht gestattet war, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Ursprünglich war Cross-Dressing also eher Cross-Casting, Ergebnis einer strikt patriarchalisch organisierten Gesellschaft. Das hielt sich bis ins 17. Jahrhundert.

Im Barocktheater traten erstmals Schauspielerinnen auf, was zu delikater Geschlechterindifferenz führte: Dass das Geschlecht eines Darstellers mit jenem der Rolle übereinstimmte, war für das damalige Publikum unerheblich. Der spielerische Umgang mit Geschlechtsidentitäten änderte sich schließlich am Übergang zum 19. Jahrhundert. Und heute? Wie findet Geschlechtertausch am Gegenwartstheater statt? Wie setzten Regisseure Cross-Dressing um?

Wenn man vom Phänomen sogenannter "Hosenrollen" absieht - dazu gehören jene Travestie-Spiele, bei denen der pikante Reiz darin besteht, dass Frauen vorsätzlich Männer darstellen (etwa im "Rosenkavalier") -, geht es bei der weiblichen Interpretation klassischer Protagonisten häufiger um grundsätzliches Nachdenken über Geschlechterrollen: Geschlechteridentitäten werden infrage gestellt. Und wenn Männer Frauenrollen übernehmen? Steht meist Klamauk und Parodie im Vordergrund ("Charley‘s Tante", "La Cage aux Folles"). Unter den großen Gender-Switching-Dramen des Welttheaters steht Shakespeares "Hamlet" besonders hoch im Kurs.

Der Dänenprinz ist der größte Grübler und Zweifler, den die Dramenliteratur zu bieten hat, und die Liste der weiblichen Hamlets ist mehr als ansehnlich: Die im 18. Jahrhundert berühmte Schauspielerin Charlotte Charke war eine der ersten Hamlet-Darstellerinnen; Sarah Bernhardt zückte den Degen im 19. Jahrhundert; Asta Nielson fragte sich ebenso bühnenwirksam: "Sein oder Nichtsein?"

Zufällig Frau

Cross-Dressing heute: "Orestie" an der Burg (links), "Lächerliche Finsternis" (rechts)

Cross-Dressing heute: "Orestie" an der Burg (links), "Lächerliche Finsternis" (rechts)© Pertramer, Werner Cross-Dressing heute: "Orestie" an der Burg (links), "Lächerliche Finsternis" (rechts)© Pertramer, Werner

In den 1970er Jahren spielte Frances de la Tour die Paraderolle, und Angela Winkler avancierte 1999 zufällig zum Prinzen: Regisseur Peter Zadek sagte damals in einem Interview, dass ihm bei der alles entscheidenden Frage, wer diese Rolle spielen solle, ein Name spontan eingefallen sei: Angela Winkler. Wenn man Zadek glauben will, kam die weibliche Besetzung nicht aus Kalkül oder Interpretationslust zustande, sondern gleichsam instinkthaft: Winkler sei die ideale Person für die schwierige Rolle gewesen.

Die Wahl erwies sich als goldrichtig: Winkler hielt sich an keine Vorbilder, widersetzte sich sämtlichen Hamlet-Konventionen, spielte weder "typisch" männlich noch weiblich; sie stellte auf unmittelbare und berührende Weise ein kindliches Wesen dar, einen kleinen Prinzen, der in der Welt der Erwachsenen zugrunde geht. Jüngst erst wurde die britische Darstellerin Maxine Peake für ihre androgyn-kühle Hamlet-Interpretation von der Kritik gefeiert.

Peake und Winkler erbrachten den Beweis, dass es dem Regietheater im besten Fall gelingt, die Tatsache, dass eine Frau einen Mann spielt, in den Hintergrund zu rücken. Die Akteurinnen bewegten sich auf gewissermaßen geschlechtlich neutralem Boden, die schauspielerische Brillanz und eindringliche Interpretation im Zentrum.

Für die kommende Inszenierung von Aischylos "Orestie" (Premiere: 18. März am Burgtheater) findet auch Regisseur Antú Romero Nunes einen besonderen Zugang: Er lässt den grausamen Atriden-Mythos, bei dem sich jedes Familienmitglied schuldig macht, von sieben Schauspielerinnen aus der Perspektive der Erinnyen erzählen, dem Chor der Rachegöttinnen.

Im antiken Theater war der Chor ein tragendes Element, der Ursprung des Bühnenspiels schlechthin; für Dichter und Theatermacher nachfolgender Generationen stellte er indes eher ein Hindernis dar. Erst das Theater des 20. und 21. Jahrhunderts - von Max Reinhardt über Einar Schleef bis Volker Lösch - fand und findet wieder Gefallen am Chor.

Nunes an der Burg also: Die Erinnyen werden im letzten Teil der Trilogie von Pallas Athene gezwungen, zugunsten der Eumeniden abzutreten, welche die neue demokratische Rechtsordnung anerkennen. Die feministische Geschichtsschreibung setzte den Abgang der wilden Erinnyen mit dem Untergang des Matriarchats gleich, während die milden Eumeniden patriarchale Herrschaftsstrukturen bestätigen - und so dem Mechanismus des Tötens in der "Orestie" ein Ende setzen würden.

Regisseur Nunes sieht in den Erinnyen hingegen Widergänger eines autoritär-völkischen Ungeists, die von starken demokratischen Kräften überwunden werden müssen. Die "Orestie" erlebte schon viele Deutungen, bleibt abzuwarten, in welchen schönen Widerstreit die sieben Burg-Schauspielerinnen nun geraten werden.

Abgestumpfte Machos

"Macht und Rebel"

"Macht und Rebel"© apa / Techt "Macht und Rebel"© apa / Techt

Wenn im zeitgenössischen Drama abgefeimte Finsterlinge und abgestumpfte Machos die Bühne betreten sollen, dann entscheiden sich Regisseure gern dafür, besagte Typen von einem reinen Frauenensemble darstellen zu lassen; eine Strategie, die häufig aufgeht.

Durch die Darstellung der Frauen wird die Geschlechtsidentität zur Imitation, die das Original, ganz im Sinne der Gender-Philosophin Judith Butler, hinterfragt, hoher Unterhaltungswert inklusive.

Regisseur Duan David Pařizek besetzte 2015 bei der vielfach ausgezeichneten Uraufführung von Wolfram Lotz‘ Stück "Die lächerliche Finsternis" im Akademietheater die Soldaten, Piraten und Haudegen ausschließlich mit Frauen: Das Damen-Quartett verlieh den militärischen Dialogen den letzten Schliff. In Erinnerung bleibt bei der Aufführung, die nicht mehr am Spielplan steht, auch das Wien-Debüt von Stefanie Reinsperger: Sie überzeugte in der Rolle eines sprechenden Papageis, als serbischer Händler und ebenso als somalischer Pirat.

Information

Die Orestie
Burgtheater, Premiere: Sa, 18. März
Macht und Rebel
Werk X, Wh.: 17. März, 22., 24. April

Ähnlich verhält es sich mit der Dramatisierung von Matias Faldbakkens Roman "Macht und Rebel", die in der Regie von Ali M. Abdullah aktuell im Meidlinger Werk X zu sehen ist. Ein fünfköpfiges Frauenensemble (Michaela Bilgeri und Constanze Passin in den Titelrollen) unternimmt darin einen irrwitzigen Kreuzzug gegen die westliche Konsensgesellschaft.

Sublimität zeichnet "Die lächerliche Finsternis" wie "Macht und Rebel" nicht gerade aus. In der übertriebenen Form der Darstellung heterosexueller Geschlechternormen liegt jedoch fraglos subversive Kraft. Das mag an die Grenzen des guten Geschmacks gehen, desavouiert aber handstreichartig jedes überkommene Männlichkeitsritual.

Cross-Dressing schlägt in zeitgenössischen Stücken wie in klassischen Interpretationen neue Wege ein - und bleibt damit Brennspiegel für die Kampfzone der Geschlechter.





Schlagwörter

Cross-Dressing, #femstorm

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-06 17:00:13
Letzte Änderung am 2017-03-08 17:54:15


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