Bewegte Wellen im Halbdunkel, eine gehetzte Gestalt wendet sich dem Saal zu, ein Mann in Kapuze und Schwimmweste - ein Bild, das uns die Medien eingebrannt haben: ein Flüchtling. Orest trieben seine Traumata und die Erinnyen bis nach Tauris, wo ihm das Orakel Heilung versprach. Nun muss er feststellen, dass ihn das ersehnte Land als Feind ansieht. "Was habe ich verbrochen?", fragt er die Opferpriesterin Iphigenie. Die Antwort sitzt: "Jedweder Fremde riskiert in unserem Lande hier sein Leben."

Mit "Oreste" hat das Theater an der Wien nicht nur ein weiteres Musiktheater von Georg Friedrich Händel auf die Bühne der Kammeroper gebracht, sondern auch eine Geschichte von brennender Aktualität. Von dieser Überzeugung wird zumindest die Inszenierung von Kay Link getragen. Und doch ging es dem Theater am Covent Garden, für das "Oreste" entstand, erst einmal um etwas anderes: Primär waren die Opernfans der Händel-Zeit an Starsängern und Bravourarien interessiert, Handlung oder Werkgestalt waren optionales Beiwerk. Das erklärt den Erfolg eines Genres, das ein modernes Kunstverständnis als minderwertig verurteilen würde: das Pasticcio.

Musik der Gewalt

Händel hat nämlich die Musik für das Libretto von Giovanni Gualberto Barlocci nicht neu komponiert, sondern aus eigenen Opern zusammengepflückt, mit einer Schlagseite zum rasanten Drive: Kantig und mit perkussiven Effekten gewürzt, fetzt das Bach Consort Wien unter Rubén Dubrovsky durch die Ritornelli, in beinahe jeder Arie müssen sich die Protagonisten in halsbrecherischen Koloraturen beweisen - was dem Jungen Ensemble des Theaters an der Wien auch bestens gelingt. Eine Musik der Gewalt, die von gefühlvollen Nummern wohltuend durchbrochen wird: In dem Duett "Ah mia cara, se tu resti" aus der Oper "Floridante" dürfen Eric Jurenas und Frederikke Kampmann zeigen, dass sie nicht nur im Rodeo der Koloratur fest im Sattel sitzen, sondern einander als Orest und Hermione auch wunderbar klagend umschmachten können.

Olga von Wahls Ausstattung versetzt die Handlung in eine martialische Vergangenheit jüngeren Datums: ein Mittelding aus Bunker und U-Boot-Friedhof, ein düsterer Flashback ins Schwarz-Weiß alter Spionagefilme, grell kontrastiert von Hermiones lackrotem Taucherinnenanzug und dem Blut der letzten Opfer. In selbstbewusster Regietheater-Tradition stellt Kay Link die Aktion oft in Kontrast zu Text und Musik. Das bleibt manchmal an der slapstickhaften Oberfläche kleben und geht mitunter tiefer: Nach vollbrachtem Tyrannenmord will Orests aalglatte Wandlung vom Rebellen zum Alleinherrscher seine Angehörigen nicht recht froh machen, der Ekel vor dem blutbeschmierten Sieger birgt einen widerständigen Pazifismus. Einstweilen streift Iphigenie die Maske der Priesterin ab und verlässt den Raum - hin zu einem noch mal ganz anderen Leben.