Das Gegenwartstheater befindet sich im Umbruch, neue Darstellungsformen entwickeln sich, auch Stücke entstehen nicht mehr ausschließlich am Schreibtisch, sondern sind das Ergebnis von kollektiven Recherchen und experimenteller Probenarbeit. Bei der Stückentwicklung wird häufig ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema mit persönlichen Erfahrungen kurzgeschlossen und popkulturell hochgetunt. Hoher Unterhaltungswert ist dabei zumeist garantiert.

International sorgten Formationen wie Forced Entertainment für Furore, in Deutschland haben Performance-Kollektive wie She She Pop und Gob Squat seit den 1990er Jahren mit ihren knallbunten Auftritten die Performance-Szene aufgemischt. Hierzulande gelten etwa Theater im Bahnhof, aktionstheater ensemble und toxic dreams als Pioniere in Sachen selfmade Texte. Nun gibt es zwei neue Gruppen - YZMA Theaterkollektiv und E3 Ensemble - die in der Wiener Theaterlandschaft auf sich aufmerksam machen.

Für das E3 Ensemble, 2013 gegründet von Isabella Jeschke und Gerald Walsberger, war das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte Ausgangspunkt für die Aufführung "Alles am Arsch", die nun in der Open Box im Off Theater in Wien Neubau zu sehen ist.

Das vierköpfige Ensemble betritt in grauer Alltagskleidung (Ausnahme: Gerald Walsberger im schwarzschimmernden Abendkleid) die ganz in Weiß gehaltene Bühne. In der Bühnenmitte sitzt Sebastian Spielvogel am Schlagzeug und gibt den Takt vor. Die knapp einstündige Aufführung variiert kaleidoskopartig die Befindlichkeit urbaner Twentysomethings: Auf intime Äußerungen (ausführlich ist vom Scheißen und Furzen die Rede) folgen banale Alltagsschilderungen, philosophische Überlegungen wechseln sich mit launigen Betrachtungen zum Gegenwartstheater ab und werden von tristen Kindheitserinnerungen abgelöst.

Eine atemlose Aufführung, die viele Fragen stellt - und die Antworten schon im Stücktitel mitliefert: "Alles am Arsch".

Von urbanen Albträumen zu utopischen Tagträumen: In "Utopia" verhandelt das YZMA Theaterkollektiv, 2014 gegründet von Milena Michalek, Karl Börner und Johanna Wolff, das gegenwärtige Potenzial von Sozial-Utopien. Das Auftragswerk läuft in der Theaterwerkstatt des Landestheater Niederösterreich in St. Pölten.

Ausgehend von Thomas Morus philosophischem Roman "Utopia" (1516), entwickelt das Theaterkollektiv Wunschbilder für eine bessere Welt. In Fantasiekostümen, stark geschminkt und mit wild toupierten Haaren zeigen Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Florian Haslinger und Johanna Wolff spielfreudig Szenen aus Morus’ Klassiker, die auf der fingierten Insel Utopia spielen. Unterbrochen werden die Episoden von gefilmten Dokumentarszenen. Die Theatermacher befragten dabei Menschen, die in gewisser Weise Utopien leben, darunter Frater Isaak vom Stift Heiligenkreuz, Johann Feilacher, Leiter der Galerie Gugging. und Heinrich Staudinger, Gründer der Firma Gea.

Die 90-minütige Aufführung changiert gekonnt zwischen Fiktion, Recherche und Improvisation. "Utopia liegt oft direkt vor unseren Füßen", schrieb einst Ludwig Tieck. "Aber wir sehen mit unseren Teleskopen darüber hinweg." Theater für Scharfseher.