• vom 13.03.2017, 16:18 Uhr

Bühne

Update: 13.03.2017, 16:54 Uhr

Theaterkritik

Vorstellung von Kuh




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Von Theresa Luise Gindlstrasser

  • Im Schauspielhaus kümmert sich die Gruppe FUX um das Vermitteln von Wirtschaftswissenschaft.

Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link.

Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link.© Matthias Heschl Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link.© Matthias Heschl

Das Vokabel-, äh, Programmheft bereitet auf den Besuch der Vorstellung vor: "Exklusiv in dieser Ausgabe: Kleines ABC der Wirtschaft". "Derivat" zum Beispiel, oder "Leitzins", was war das alles nochmal eigentlich wirklich jetzt genau? Wissen wir nicht. Wissen wir viel zu wenig über Wirtschaft.

Darauf reagiert "Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence" im Schauspielhaus Wien. FUX, das sind Nele Stuhler und Falk Rößler (die diesmal ohne Stephan Dorn zusammengearbeitet haben), wurde 2011 beim Angewandte-Theaterwissenschafts-Studium in Gießen gegründet. Es ist ihre erste Arbeit in Österreich.

Information

Theater
Frotzler Fragment
Schauspielhaus, Wh.: bis 8. April

Was im kleinen Dorf einfach ist (Wo ist Kuh? Hier ist Kuh!), wird im großen Dorf kompliziert (Wer hat denn jetzt Kuh?). Simon Bauer, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger wippen in schicken Ganzkörper-Anzügen. Apathisch in die Ferne lächelnd, wiederholen sie formalisierte Abläufe. Ihre Aufgabe für den Abend heißt: Ausführen einer Handlung immer als ausgestellte Bühnen-Handlung. Die Kapitel heißen "Die Erfindung des Kreditwesens", "Die Erfindung des Tauschhandels" und endlich: "Die Erfindung des Geldes". Und was einmal erfunden wurde, so suggeriert die schematische Geschichtserzählung, ist wert, dass es zugrunde geht. Weil: "Das war vielleicht mal Kuh, das ist jetzt MEINE Kuh" ergibt plus Geldwirtschaft irgendwann "die Krise als Normalzustand".

Im Jahr 2017 angekommen, ändert sich der Ton ("Harte Zeiten erfordern Sketche"). Es treten auf: Karl Farkas und Erwin Piscator. Vor schimmerndem Vorhang hochtouriges Palavern. Der Gscheite, der anscheinend alles wisse, und der Blöde, der dann doch vielmehr noch was weiß. Die Doppelconférence, entstanden als Übergangsnummer zur Überbrückung bei Umbauten, entwickelte sich bei Farkas und Fritz Grünbaum im Wiener Kabarett Simpl ab 1922 zur Kunst des misslingenden Wortwechsels. FUX präzisiert dieses Format und der Vorhang geht hoch: Holla! Eine Revue! Inklusive suggeriertem Sprung von der 3-Meter-Showtreppe ins wasserleere Plastik-Plantschbecken. Und sowieso Gesangseinlagen, zum Beispiel über soziale Marktwirtschaft und aus einer muschelförmigen Luftmatratze heraus.

Piscator-Revue

Die "Frotzler-Fragmente" sind aber nicht nur Revue, sind breit recherchierte, politisch-didaktische Piscator-Revue mit Grundgestus ironische Distanz.

Die Sketches spitzen sich zu, es treten auf: Stefan und Ralph Heidenreich. In ihrem Buch "Forderungen" argumentieren sie, dass die Möglichkeit einer geldlosen Ökonomie mit den gewachsenen digitalen Speicherkapazitäten gegeben sei. Auf der Bühne folgt Rauch und rotes Licht. Aus der Showtreppe spricht der personifizierte "Matching-Algorithmus". Wenn der eine was hat und der andere was braucht, dann werden sie miteinander gematcht und die Transaktion auf ihren Profilen vermerkt. Aber, und das formuliert der Abend gegen den spöttischen Verweigerer, den Frotzler, auch hierzu braucht es Vertrauen. Oder wie die vier Stimmen lautstark fordern im Chor: Wir müssen uns das, was wir uns nicht vorstellen können, zumindest als etwas, das wir uns nicht vorstellen können, vorstellen oder es vielleicht trotzdem doch auch einfach mal vorstellen. Mit diesem Appell Richtung Publikum endet der Abend.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-13 16:24:07
Letzte nderung am 2017-03-13 16:54:44



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