Wiederkehr am Währinger Gürtel: Marc Piollet. - © Felix Broede
Wiederkehr am Währinger Gürtel: Marc Piollet. - © Felix Broede

Wien. Wer die "Geier-Wally" ist, muss man hierzulande kaum jemandem erzählen. Die Opernheldin "La Wally" ist da schon erklärungsbedürftiger. Dabei handelt es sich um ein und dieselbe Figur, ursprünglich geschnitzt von der Romanautorin Wilhelmine von Hillern - eine Tragödin, die in der schroffen Tiroler Bergwelt mit harten Menschen ringt. 1892 hat sie Alfredo Catalani auf die italienische Opernbühne geholt. Mit begrenztem Erfolg. Während die "Geier-Wally", populären Heimatfilmen sei Dank, noch heute im Fernsehen die Tränendrüse melkt, ist Catalanis "Wally" ungefähr so selten zu sehen wie ein Edelweiß auf der Wiese. Warum eigentlich?

Die Volksoper zeigt ab heute, Samstag, eine Neuproduktion des Stücks; Dirigent Marc Piollet versucht, die mangelnde Strahlkraft zu erklären: "Catalani war keine 40 Jahre alt, als er gestorben ist; er kam nicht dazu, eine lange Karriere aufzubauen." Es wäre spannend gewesen, was er nach "La Wally", seiner letzten Oper, komponiert hätte. Hier aber "fand er noch nicht wirklich zu einem eigenen Stil. Das Stück ist ein Sammelsurium sehr schöner Ideen und Motive; vieles ist an Richard Wagner oder Carl Maria von Weber angelehnt." Ein Bruchteil davon, die hübsche Arie "Ebben? Ne andrò lontana", hat es zwar zu Weltruhm gebracht. Sie steht der Sprache des Werks aber fern. "Catalani hat sie schon davor komponiert. ‚La Wally‘ ist herb und direkt, konkret und eruptiv."

Dorfdrama mit abstrakter Kulisse: "La Wally" mit Kari Postma (rechts) in der Hauptrolle. - © Barbara Pálffy
Dorfdrama mit abstrakter Kulisse: "La Wally" mit Kari Postma (rechts) in der Hauptrolle. - © Barbara Pálffy

Ein Umstand, der zum schroffen Handlungsort in Tirol passt. Piollet: "Die Welt, in der Wally aufwächst, ist nicht einfach. Die Menschen leben in den Bergen, die Dörfer sind isoliert. Wally wird von ihrem Vater unterdrückt, sie ist eine unglückliche Außenseiterin. Sie fühlt sich frei, wenn sie in die Berge geht. Ihr bisher einziger Kuss gilt der Natur."

Dunkle Tannen, grüne Wiesen: Droht unter solchen Vorgaben nicht die Gefahr, im Regie-Kitsch zu landen? Darauf müsse man natürlich achten, sagt Piollet. Das Libretto werfe aber noch andere Probleme auf: "Wie stellt man eine Lawine auf der Bühne dar? Ich denke, das geht nicht." Regisseur Aron Stiehl habe dafür eine "sehr gute, alternative Lösung gefunden."

"Musikchef wäre nötig"


Apropos Großes im kleinen Raum. Musikalisch betrachtet, kommt die Wally wuchtig daher - mit drei Posaunen, vier Hörnern. Ein Problem für die akustisch heikle Volksoper? "Viele Häuser haben ihre Tücken. Man muss versuchen, Balance herzustellen, ich will aber auch nicht auf die Aggressivität verzichten, die in dieser Musik steckt." Nachsatz: "Auch das Staatstheater Wiesbaden hat seine Tücken, trotzdem habe ich dort als Generalmusikdirektor in den Vorjahren den ‚Ring des Nibelungen‘ herausgebracht."

Wo Piollet vor seiner Zeit in Hessen gearbeitet hat, weiß man an der Volksoper genau - nämlich eben hier, als Chefdirigent der Jahre 2003 bis ’05. Heute ist der Franzose freischaffend zwischen Spanien, Deutschland und Übersee tätig. An der Volksoper freut er sich nicht nur über bekannte Gesichter, sondern auch über den Arbeitseifer: "Ich habe Respekt vor der Vielfalt, die dieses Orchester zu bewältigen hat. Es erfordert Flexibilität, neben vielen Musicals und Operetten auch schwere Oper zu spielen. Ich merke an jedem Probentag, wie groß die Konzentration und der Wille sind, den nötigen Klang zu finden." Und was sagt er dazu, dass es den Posten eines Musikchefs seit Jahren nicht mehr gibt? "Das Haus ist unter seiner heutigen Leitung sehr erfolgreich. Ich denke, dass ein Musikchef dennoch nötig wäre, um die Direktion zu unterstützen und eine Weiterentwicklung des Orchesters, der Sänger und des Chores zu gewährleisten - es ist eine wichtige Aufgabe."