• vom 27.03.2017, 17:05 Uhr

Bühne


Opernkritik

In der Gefühlslawine




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Von Christoph Irrgeher

  • Ein Achtungserfolg: Die Volksoper zeigt das Alpen-Drama "La Wally".

Intensiv: Kari Postma (Mitte) als Wally. - © Barbara Pálffy

Intensiv: Kari Postma (Mitte) als Wally. © Barbara Pálffy

Nicht viele wissen es: Die "Geier-Wally", diese Ikone des Heimatfilms, hat schon 1892 auf die Opernbühne gefunden. Und: Sie zeigte sich dort ohne ihr gefiedertes Markenzeichen. Jener Vogel, den die Romanheldin Wilhelmine von Hillerns aus einem Nest herausholt - er ist nicht in die Oper von Luigi Illica (Text) und Alfredo Catalani (Musik) eingegangen. Ein Schaden war das nicht. Erstens passt das krächzende Tier nicht so recht ins Musiktheater. Zweitens, und darauf kommt es an, wurden der wilden Heldin selbst nicht die Flügel gestutzt: La Wally, so heißt sie hier, gibt auch in der Oper einer Dorfmännerwelt Kontra.

Zuerst ihrem Vater, dem Tiroler Gewaltmenschen Stromminger: Seinen Versuch, sie unters Ehejoch zu zwingen, pariert Wally mit Flucht. Tückischer wird es bei dem Jäger Hagenbach. Die Erkenntnis kommt zu spät: Der Feschak hat Wally nur wegen einer Wette geküsst - und gibt sie danach dem Dorfspott preis. Eine Demütigung, wie sie Verdis Traviata beim öffentlichen Erhalt ihres "Hurenlohnes" erlebt. Anders als die kranke Pariserin knickt der Wildfang Wally aber nicht ein - sondern erteilt einen Mordauftrag.


Man sieht schon: Diese Handlung ist reich an Sprengstoff, und Illica zündet ihn so wirkungsvoll wie später in seinen Erfolgen mit Puccini ("La bohème", "Tosca"). Der Komponist Catalani aber ist gemeinsam mit seinem Werk in Vergessenheit geraten. Was bedauerlich ist: Diese "Wally" kann in ihrer Zuspitzung, ihrem Drive hin zum Verhängnis als früher Vogel des Verismo gelten - auch wenn ihr ein zweiter Ohrwurm (neben Catalanis einzigem Hit "Ebben? Ne andrò lontana") gutgetan hätte.

Geometrischer Heimatroman
Verdienstvoll jedenfalls, dass sich die Volksoper mit einer Neuproduktion für die Rarität starkmacht. Regisseur Aron Stiehl umgeht dabei die Kitschfalle. Bei ihm fliegt nicht nur der Geier raus, sondern nahezu alles, was nach Heimatfilm riechen könnte. Zwar treten die Figuren in farbgedämpfter Tracht auf. Die Bühne (Frank Philipp Schlößmann) kennt aber weder einen Dorfplatz noch Alm oder die finale Lawinen-Katastrophe. Auf dem Boden sind schwarzweiße Fünfecke angehäuft, die an Häuser und Berggipfel erinnern und, so könnte man jedenfalls meinen, Gert Jonkes "Geometrischen Heimatroman" bebildern wollen.

Tatsächlich soll hier nichts vom Seelendrama der Protagonistin ablenken, und das gelingt weitgehend. Diese Bühne betört nicht, sie stört aber auch nicht wirklich, während die Regie Tiroler Sturschädel aufeinanderprallen lässt und dabei - auch dank der Intensität von Kari Postma als Schmerzensfrau - Beklemmung erzeugt. Schade nur, dass das Finale verspielt wird. Dass der Jäger hier zuletzt nur in Wallys Fantasie (und dort schneehasenweiß!) erscheint, teilt sich nicht klar mit. Zudem bleibt es ein Rätsel, warum ein Soldat den ganzen Abend mit düsterer Teufelsmiene über die Bühne hirscht und gestische Kommandos erteilt. Ein Strippenzieher des Bösen? Ein Hinweis auf das Übel des Patriarchats unter besonderer Berücksichtigung Tiroler Dörfer?

Auch sängerisch ist der Abend durchwachsen. Postmas Sopran flammt, er flackert mitunter aber auch. Vincent Schirrmacher (für Endrik Wottrich eingesprungen) lässt einen jugendfrischen Tenor hören, dem aber (noch) Grenzen gesetzt sind; Staatsopern-Legende Kurt Rydl verleiht dem Stromminger eine Stimme, die jedenfalls über die nötige Brachialgewalt verfügt. Erfreulich klar artikuliert Bernd Valentin daneben den Gellner, blitzsauber Elisabeth Schwarz die Hosenrolle des Walter. Reichlich Applaus für das Orchester unter Marc Piollet: Nach einem fahrigen Beginn navigiert es sich mit zunehmender Sicherheit durch die treibenden Dreiertakte und Wagner-Anleihen der Partitur.

Oper

La Wally

Volksoper (01/5131513)

Wh: 29. März; 2., 5., 12., 20. April




Schlagwörter

Opernkritik, Volksoper

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Dokument erstellt am 2017-03-27 17:09:08


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