Leben sie noch oder spielen sie schon? Diese Frage schwebt über dem Abend, wenn Roman Seeliger wieder in die Rolle der 99-jährigen "Doyenne" Colette (seiner Nachbarin) und deren gleichaltrigen Freundinnen, der früheren Tänzerin Ilka und der Philosopin Gerda, schlüpft. Es ist quasi eine Fortsetzung seines vergangenen Klavierkabarett-Programms "Illusionen mit 50", in dem die drei bereits tragende Rollen spielten - nur das sie diesmal auch im Stück auf der Bühne stehen. Oder besser gesagt: Sie sollen auf die Bühne, denn Colett muss eine Begräbnisrechnung bezahlen - behauptet Seeliger gegenüber seiner Nachbarin. Doch der Vorwand ist rasch durchschaut, und so tun die drei alten Damen so, als wüssten sie von nichts und lassen den "hundsjungen Buben" Roman im Glauben, sie zu manipulieren. Aber eigentlich ist das nur eine Nebensache.

Die Hauptsache ist nämlich, wie die drei sich auf ihren großen Auftritt vorbereiten (Seeliger zelebriert dabei wieder deren jeweilige Eigenheiten und Ticks) und dabei nicht nur auf ihre ereignisreichen Leben zurückblicken, sondern sich auch mehr oder weniger aktuellen Themen widmen: von der Politik spannt sich der Bogen über den Umgang mit dem Alter und Wagner-Opern bis zum Lottospielen. Die Pointen sind dabei stilvoll gesetzt, wie es sich für 99-Jährige gehört. Altdamenwitze quasi, bei denen tiefe Wuchteln mit Ansage erfolgen und ansonsten das Niveau betont hoch gehalten wird. Das alles mit einem roten Faden zu verbinden, ist eine der zwei großen Leistungen Seeligers. Die zweite sind die dazwischen eingeschobenen Lieder, für die er Anleihen bei Bizet, Gershwin, Beethoven oder Strauss nimmt. Dass er da bei der Premiere in seiner Virtuosität mitunter etwas schlampig in die Tasten haute, mag der Nervosität geschuldet gewesen sein. Grund für diese hat er aber keinen. Denn seine vier Rollen sind gut ausgearbeitet und überzeugend.