Eine politische Kleinstadtsatire aus Oberbayern von 1929/30 ins Wien von Heute gespiegelt: In Harald Poschs Regiehänden mutiert Ödön von Horváths frühe "Italienische Nacht" zum "popig-trashigen" Theaterspektakel (Eigenwerbung) unterm Titel "Demokratische Nacht - Du Prolet!" Klingt klar nach Schimpf auf die ganze Klasse der Lohnabhängigen. "Er will unter sich keinen Sklaven sehn/und über sich keinen Herrn", schrieb ihr Brecht ins Führungszeugnis. Marxens Klarbild vom Proleten wollte auch Horváth hochhalten, als er die real existierende Sozialdemokratie auseinandernahm.

Die bierselige Politisiererpartie mit einem besoffenen, hurenden, Besitz raffenden roten Stadtrat (Wojo van Brouwer, ein Nachbild von Qualtinger) als Kapo könnte Ludwig Thoma erfunden haben. Horváth gab zwei an der Welt und den Männern leidende Mädchen als Zuwaag dazu; diese Anna (Laura Mitzus) und Leni (Zeynep Buyrac) begegnen wir in seinen großen späteren Stücken in vielerlei Varianten wieder. Und detto einen Karl (Simon Alois Huber), wie er Leni tröstet: "Es gibt keine schlechten Menschen, Fräulein. Es gibt nur sehr arme Menschen." Doch Horváths Lichtstrahlen der Kleineleuteliebe verloren sich noch in Boshaftigkeiten.

In Bayern war die Ortsgruppe eines "Republikanischen Schutzbunds" durch prügelfreudige "Fascisten" bedroht. Für Wien heute ist Gewaltkulisse akustisch nachgebaut: kreischende Motorsäge, der "Landser"-Rechtsrockhit "Opa war Sturmführer bei der SS" aus den Lautsprechern. Ein Hofer-Wahlplakat bekommt das Hitlerbärtchen aufgepinselt. Der wertkonservative Programmredner, Schnittmenge von ÖVP und FPÖ, trägt eine blaue Krawatte. Ekeligste Hass-Postings gegen Ausländer werden auf Protesttafeln herumgetragen. Fehlt noch ein Pappkamerad an der antifaschistischen Kabarettfront aus dem überlangen Wahlkampf 2016? Schwer zu sagen, zu viel ist schon abgesackt ins Gewohnte.

Bei den Roten rumort’s. Auch davon sind die Zeitungen voll - und interessanter als ihr Echo im schrägen Bühnenspiel. Der Attac-Funktionär oder Fundi aus der Sektion 8 (Dennis Cubic) nimmt sich rasend brüllend, darum kaum verstehbar der "Armutsgefährdungsquote" an sowie der Frage "Bringt das Zusammenlaufen von Poststrukturalismus und Postmarxismus bestimmte Fragen bezüglich des Historisierungsprozesses selbst hervor?" Rhetorischer Kunstnebel, der mehr verhüllt als aufdeckt.

Eine Rotgrünkarikatur flucht als veganer Radfahrer alle Autofahrer Nazis und analysiert den Radverkehr in Kopenhagen. Der Stadtrat kommt mit einer Plastiksexpuppe zum Festl und versinkt in Suff und Korruption. Dazwischen Lachnummern an der Pissrinne. Kurz ist der Trubel angehalten für eine verhärmte Frau, die ihr Los als arbeitsloser Sozialfall schildert. Zum Wirtshausfest ohne Saalschlacht kommen die Roten in Tiermasken: als Esel, Rotkehlchen, schwarze Katze. Vereint singen sie die antikorrekte Schlussbotschaft: dass auch "Nega" Menschen sind.

"Jeglicher von jeglicher Partei darf sich ärgern", schrieb ein Kritiker 1931 nach der Uraufführung. Die Verhonepipelung der Politiker wurde ein Publikumsrenner. Im Werk X wollte sich bei der von Polit-Prominenz freien Premiere kaum Begeisterung einstellen. Die Mixtur aus alten Dichterworten mit aktuellen Dokumenten schmeckt nach Allem und Nichts.

Theater

Demokratische Nacht -

Du Prolet!

Von Harald Posch nach

Ödön von Horváth

Werk X

Wh. bis 9. Juni