Wird ein neues Theater eröffnet, will eine neue Ära beginnen, wird gerne Lessings "Nathan der Weise" als hehres Bekenntnis vorausgeschickt. Schon seit 200 Jahren. Doch kein Direktionswechsel, sondern das 300-Jahr-Jubiläum der "modernen" Freimaurerei empfahl dem Volkstheater, 2017 Lessings klassische Konfiguration seines maurerischen Denkens anzusetzen.

Das Toleranz-Weihefestspiel schlechthin, und immer als Vademecum genannt, wo sich religiös-politische Fronten aufbauen. Der Holocaust bestätigte Lessings Ahnung sein kurz vor dem Tod vollendetes Werk betreffend: "Es kann wohl sein, dass mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird." Dreimal befiehlt der katholische Patriarch "Der Jude wird verbrannt". Noch heute, auch ohne Ernst Deutsch in der Opferrolle, erstarrt die Mehrheit des Publikums.

Stilles Lesen genügt. Doch Bühne braucht für den "Nathan" großen Atem für die Verse und exzellente Schauspielkunst bis in die kleinste Rolle. Alma Seidler war die Daja! Ohne überwältigendes Charakterspiel bliebe die schrittweise Enthüllung, dass alle Figuren – und Religionen – Bluts- oder Seelenverwandte sind, eine mild zu belächelnde Stolpergeschichte zu einem Happyend. Nur große Darsteller sichern die rechte Balance zwischen Tragik und Humor beim Handelsherrn Nathan, zwischen frommer Einfalt und Dogmatikereifer auf christlicher Seite, zwischen Herrschaftspragmatismus und Seelentiefe auf islamischer. Dafür fehlen, pardon, dem Volkstheater die großen Kaliber.

Ensemble hin – Regie her! Also sprang der Puppenbauer und -spieler Nikolaus Habjan, 29, als Nothelfer ein. Nichts leichter als den Patriarchen – der in Lessing Toleranzdreier das Pummerl hat – als Klappmaulpuppe im Rollstuhl auf die Bühne zu schieben: ein greiser Fanatiker mit Raubvogelgrimasse und toten Augen. Die Intervention geriet fein, doch blieb sie eher aufgesetzte Koloratur als innere Notwendigkeit. Wo Nathan grübelt, tritt ihm eine Nathan-Puppe zur Seite. So auf dem Weg zum Sultan, wo er sich (mit Worten des gestrichenen Derwischs) fragt, ober er in der Stadt bleiben oder flüchten soll. Er selbst als Puppe flüstert sich guten Rat ins Ohr: Gegen Saladins Bekenntnisdruck hilft die Ringparabel!

Wie eine Reise ins zerbombte Aleppo

Zwar nähert sich Nathan im ersten Auftritt durch den Zuschauerraum, einen typischen Flüchtlingskoffer in der Hand, dem roten Vorhang mit Ehrfurcht wie im Tempel. Doch anscheinend kam er nicht nach Jerusalem heim von seiner Babylonreise, sondern ins zerbombte Aleppo. Im Schatten einer gesprengten Betonmauer liegen im Feuersturm verbrannte Leichen auf einer Straßentreppe. Nathan verhüllt sie mit weißen Tüchern. Ein Trauerbild, das tief eindringt (leider durch Handygeklingel gestört).

Günter Franzmeier gibt mit seinem schönen alten Gesicht als Nathan Stil und Ton vor. Hoch über Christoph Rothenbuchner als Tempelherr und Gábor Biedermann, der eine Buchhalter in Faschingsuniform, der andere wie ein Ingenieur auf einem Baugerüst unterwegs. Ja, der Wiederaufbau hat begonnen, ein Zeichen der Hoffnung.

Sittah, des Sultans Schwester, verkörpert Steffi Krautz wie eine Stummfilm-Kleopatra: starr, herrisch. Katharina Klar als Christenkind: ein blondgezopftes steifes Mädchen. Auch Claudia Sabitzer glatt als ihre Zofe Daja mit maskenstarrem Mondgesicht. Dem Klosterbruder, der dem Juden hilft, gibt Stefan Suske warmherzige Vertraulichkeit. Er trägt Bauarbeitermontur, gehört wohl zur Untergrundkirche.

Statt einander zum Schluss, endlich erkannt und verstanden, brüderlich-schwesterlich zu umarmen, streckt sich eine Spielfigur nach der anderen wie leblos auf der Schautreppe aus. Nathan breitet nun ein zweites Mal seine Leichentücher aus. Doch diesmal sind die Toten tot nur auf Zeit. Ihre Vorbereitungszeit, ehe sie in die Loge aufgenommen werden. Das mansonische Initiationsritual mit Nathan als seinem Meister. Die christliche Recha wehrt sich kurz dagegen. Festlicher gekleidet als sonst bei Premieren das Publikum. Und freundlich beim Applaudieren.