Eine Nostalgiewelle hat nicht nur die Filmwelt im Griff, sie erreicht nun auch die Oper. Das mag auf den ersten Blick seltsam klingen: Ist der Musiktheater-Bereich nicht längst infiziertes Gebiet, erklingen dort nicht die immergleichen Hits von Mozart, Verdi, Wagner? Stimmt. Es gibt dort aber auch eine Gruppe Vermittler, die diese Werke in heutige Bühnenbilder übersetzen und sich "Regietheater" nennen.

Diese Brückenbauer werden nun selbst von musealen Gelüsten befallen: Das Opernfestival Lyon etwa grub jüngst "klassische" Arbeiten des Genres aus wie Heiner Müllers Bayreuther "Tristan". Gewiss: Bei entsprechender Neigung kann man versuchen, solche Gedenkdienste zu mögen (die "Zeit" nannte sie, mit einiger Sophistikation, "mutig"). Man kann sich aber auch einfach darüber wundern, dass nun just die Modernisten des Opernbetriebs von ihrem Jetzt-Bezug abrücken. Das Phänomen hat wohl auch mit einer gewissen Lockung zu tun: Das Regietheater, noch immer gern als Pseudokunst gescholten, kann sich mit solchen Abenden ein legitimierendes Denkmal setzen. Auch wenn das zu der seltsamen Situation eines Museums im Museum führt.

Auch die Salzburger Osterfestspiele exhumieren heuer eine alte Produktion. Sie folgen damit aber nicht (nur) dem Retro-Trend, sondern haben dafür auch einen besonderen Grund, nämlich ihr 50-Jahr-Jubiläum. Ein halbes Jahrhundert, nachdem Festivalschöpfer Herbert von Karajan "Die Walküre" von Richard Wagner nicht bloß dirigiert, sondern auch inszeniert hat, wuchtet man diese Produktion erneut auf die Riesenbühne des Großen Festspielhauses. Wobei das nun keine exakte Kopie ist. Zwar wurden die Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen nachgebaut. Regisseurin Vera Nemirova aber wollte erklärtermaßen Reibungsflächen zwischen Alt und Neu schaffen; und weil die Deutsch-Bulgarin schon für manches Wagnis bekannt ist, durfte man sich einige Überraschungen erwarten.

Karajan light

Nur leider: Das war wohl naiv gedacht. Zu mächtig wabert der Mythos Karajan noch immer über der Festspielstadt, als dass man hier am Lack der Erzeugnisse des Maestros kratzen könnte. Nemirova macht am Samstagabend dann weitgehend Gedenkdienst nach Vorschrift. Sie verzichtet (fast) zur Gänze auf Regie-Gags und eine Gegen-den-Strich-Bürste, sie lässt die Sänger mit dezent göttlichen Kostümen auftreten (Wotan trägt Speer und Kunstpelz-Mantel) und konzentriert sich darauf, eine flüssige Personenführung in den Bühnenweiten zu entfalten.