Genauer besehen, ist das aber auch nicht nichts. Schneider-Siemssens Arbeit hat ihre Vorzüge: vermutlich in Reaktion auf die "entrümpelte" Bayreuther Bühne entstanden, prangen hier archaisch-abstrakte Bilder. Das zentrale Element, ein Riesen-Ring, umschließt anfangs einen Monsterbaum; im dritten Aufzug kringelt sich dieser Kreis spiralförmig hoch und wird so zu jenem Felsen, auf dem der Göttervater Wotan seine rebellische Tochter Brünnhilde mit Feuer umschließt. Zugegeben: Es fällt schwer, sich den Mittelakt noch einmal in Erinnerung zu rufen. Sobald auf dieser Opernlangstrecke irgendwann die Lichteffekte und (neu hinzugefügten) Projektionen enden, wird das Auge sträflich unterversorgt und auch vom Mord an Siegmund (Stichwort: Schwert in der Achsel!) nur unfreiwillig unterhalten.

Im letzten Akt aber zündet die Fusion von Musik und Theater: Wie gnadenlos Vitalij Kowaljow da als Wotan seine Walkürentochter degradiert, wie herzerweichend diese Brünnhilde von Anja Kampe um mildernde Umstände fleht, wie stürmisch sich die beiden noch einmal vor der Bestrafung in die Arme fallen – das ist keine Verneigung vor einem alten Bühnenerfolg von Karajan selig, sondern unmittelbares Existenzdrama.

Die Besetzung, ein Fest

Wesentlichen Anteil daran hat Christian Thielemann, dessen behutsames Dirigat Freiräume für Sängernuancen bis hin zum Flüsterton schafft: Wie Wotan seine Tochter anblafft, ihren Namen aber drei Wörter später herzenswarm ausspricht – das erzeugt in den kosmischen Weiten des Festspielhauses die Illusion eines Kammerspiels. Gewiss: Man könnte beckmessern, Thielemann übertreibe es manchmal (etwa bei den Streichertremoli des Vorspiels) mit der Untertreibung. Gleichwohl ist kaum vorstellbar, dass sich dieses Teilstück von Wagners "Ring" mit mehr Feinnervigkeit und Vitalität durchmessen ließe, wobei die Sächsische Staatskapelle Dresden einen Klangfluss freisetzt, der von distinkten Akzenten, zärtlichen Verzögerungen, drahtigen Aufschwüngen und kaleidoskopischen Farben durchwirkt ist.

Auch die Besetzung ist ein Fest: Georg Zeppenfeld verleiht dem Hunding eine bassschwarze, ungewohnt schlanke Stimme, Peter Seiffert mengt seinem Siegmund-Tenor einen Schuss Süße bei, und Kowaljows Wotan wirkt gegen Ende zwar ein wenig schwächebedroht, betört über weite Strecken aber mit einem kultivierten, bisweilen fast samtigen Bass. Reichlich Nuancen auch auf der Frauenseite, von der fulminanten Anja Harteros als Sieglinde über Kampes Brünnhilde bis zu Christa Mayer als Fricka, die ihrem Göttergatten Wotan erst schnippisch, dann immer furienhafter die Hölle heiß macht. Zuletzt für alle Beteiligten Jubel, der – zu Thielemanns Verdruss – nur durch einen allzu schnell fallenden Vorhang kurz abebbte.