• vom 10.04.2017, 16:36 Uhr

Bühne

Update: 26.04.2017, 16:00 Uhr

Opernkritik

Repertoireoper auf der Höhe der Zeit




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Von Lena Dražić

  • Wiederaufnahme von Aribert Reimanns "Medea" an der Staatsoper.

Ioan Holender wird nicht als großer Innovator in die Geschichte eingehen. Die Abschiedssaison des langjährigen Staatsopernchefs war allerdings von einer Uraufführung gekrönt, die international Furore machte. Sieben Jahre später erweist sich Aribert Reimanns "Medea" nach Franz Grillparzer in der Wiederaufnahme als repertoiretauglich im besten Sinn. Dabei meistern die Musizierenden beträchtliche Herausforderungen: In den ausgezackten Sprüngen der Titelpartie, die der Komponist Marlis Petersen auf den Leib geschrieben hatte, bewegt sich Claudia Barainsky mit vollendeter Klarheit. Den Jason zeichnet Adrian Eröd wie schon bei der Uraufführung als aggressiven Macho: In der guten Gesellschaft des Gastlandes wittert er Aufstiegschancen, bei denen sich Medea freilich als hinderlich erweist. Zu dunkel ist den Korinthern die Hautfarbe der Orientalin, zu fremdartig ihr Gehabe, zu bedrohlich ihre Zauberkraft. Und wo integriert wird, das wusste schon Grillparzer, da fallen Späne: "Sei eine Griechin!", herrscht Jason seine Gattin an. Das Kopftuch soll abgenommen werden, da es nicht der Landessitte entspricht.

Jubel für den Komponisten persönlich
König Kreon, der Jason Schutz verspricht, gibt Norbert Ernst mit metallischem Befehlston, in weiteren Rollendebüts machen Monika Bohinec (Gora) und Daichi Fujiki (Herold) gute Figur. Kreons Tochter Kreusa, die Medea erst gönnerhaft unter die Fittiche nimmt, um ihr dann Mann und Kinder abspenstig zu machen, findet ihre kokette und (der Rolle durchaus angemessen) stimmlich etwas blasse Verkörperung in Stephanie Houtzeel.


Uraufführungsdirigent Michael Boder kennt die Partitur in- und auswendig. Weitgehend solistisch geführte Streicher und Bläser summiert das Orchester zu einem metrisch vielschichtigen Klangbild fernab symphonischer Kulinarik, in dem bisweilen wie als ferne Erinnerung lyrische Akzente anklingen - wie am Schluss in der Flöte, als Medea nach getaner Rache einer höheren Gerechtigkeit zustrebt. Sie verlässt den vom Regisseur Marco Arturo Marelli gestalteten Bühnenraum, der in seiner schlichten Drastik eindringliche Bilder für die Kluft schafft, die sich auftut zwischen den Akzeptablen und den Ausgegrenzten. Eine Kluft, die uns noch länger begleiten wird - wie hoffentlich auch die "Medea" von Reimann, der den Jubel am Freitagabend persönlich entgegennahm.

Oper

Medea

Wiener Staatsoper (01/5131513)

Wh.: 15. und 19. April




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-04-10 16:42:05
Letzte Änderung am 2017-04-26 16:00:06


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