Nebelschwaden, Gitarrenjaulen, Auftritt Voodoo Jürgens im grauen Anzug und mit Goldkette. Auf sein Anti-Wiener-Lied "Wien bei Nacht" antworten drei Schauspielerinnen mit dem Optimismus der Marke Stefanie Sargnagel: "Ich glaube, es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe mein Leben im Griff." Wer’s glaubt. Die Illusion eines geglückten Lebens, der Zwang zur Selbstoptimierung wird in den Texten der Autorin verlässlich unterlaufen. Flaneure, Nichtsnutze und Tagediebe bevölkern ihre Schriften, die sich allem und jedem verweigern, was nach bürgerlicher Normalität klingt.

Der Theaterabend "Ja eh!" feiert im Theater Rabenhof folgerichtig ein grandioses Hochamt der immerwährenden Sonntagnachmittagsdepression. 90 Minuten währt die boboeske Untergangslust. Regisseurin Christina Tscharyiski und Dramaturg Fabian Pfleger verschränkten Lieder von Voodoo Jürgens mit Sargnagels Schriftstücken, darunter "Penne vom Kika", für diesen Text erhielt die Autorin im Vorjahr den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen.


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Interview mit Stefanie Sargnagel und Voodoo Jürgens
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Eine sinnfällige Kombination: Voodoo Jürgens, 33, bürgerlicher Name: David Öllerer, belebt derzeit die darniederliegende Austro-Pop-Szene mit seinen melancholisch-poetischen Folk-Songs; Stefanie Sargnagel, 31, heißt eigentlich Sprengnagel und ist auf dem besten Weg, zur "Elfriede Jelinek der Post-Krone-Ära" zu werden, wie Falter-Kulturkritiker Matthias Dusini jüngst bemerkte.

Bekannt wurde die Wienerin zunächst als Bloggerin. Doch seit der Hetze der "Kronen Zeitung" - das Boulevardblatt attackierte die Künstlerin wegen eines satirischen Reiseberichts -, ihrem Clinch mit Autor Thomas Glavinic, der sie als "talentfreie Krawallnudel" bezeichnete, und ihrer feministisch-aktionistischen Burschenschaft "Hysteria", mit der sie Nazi-Keller besetzte und den FPÖ-Akademikerball stürmte, ist sie im kulturellen Leben der Stadt angekommen. Sie selbst bezeichnet sich wahlweise als "It-Girl", "Universalgenie" oder "Fäkalpoetin" und setzt sich gern in Szene als Lonesome-Girl mit Bier und Tschick wie ein weiblicher Bukowski.

Postmoderner Ennui

Die langgezogene Bühne im Theater Rabenhof sieht aus wie ein überdimensionierter Wandverbau, ein Relikt aus den 1980er Jahren. Aus den Fächern und Türöffnungen treten die Schauspielerinnen auf und wieder ab oder holen Requisiten heraus - von einer Matratze über Lametta bis hin zum Flaschenbier findet diverses Spielmaterial darin Platz.

Die Akteurinnen (Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch) sehen aus wie heruntergekommene Existenzen, sie tragen Fatsuits, ausgebeulte Jogginghosen und löchrige Wollpullover (Kostüme: Catia Palminha).

Die Textcollage wird abwechselnd als Monolog, Dialog oder im Chor dargeboten. Die drei Akteurinnen switchen gekonnt zwischen szenischen Miniaturen und Pollesch-ähnlichen Rezitationen hin- und her. Einziger Einwand: Die Auftritte von Voodoo Jürgens sind zu wenig mit dem szenischen Spiel verschränkt, daher zerfällt die Aufführung in eine revuartige Nummernabfolge. "Ja, eh!" liefert den Beweis dafür, dass Lebensüberdruss und postmoderner Ennui einen ungeahnten Unterhaltungswert entfalten können.