"Es beginnt mit einem Großvater" sind die ersten Worte, die an diesem Theaterabend fallen. Dem Großvater von Dramatikerin Ivna Zic: Er hat seiner Enkelin immer Geschichten erzählt: Dass er sie im Kern einer Nektarine gefunden habe, zum Beispiel. Aber seine eigene Geschichte hat er nie erzählt. Er soll nämlich einen der Todesmärsche aus Bleiburg mitgemacht und überlebt haben. Er hat darüber geschwiegen, weil das Thema tabu war. Und erst seit wenigen Jahren ins Bewusstsein geholt wird: Allerdings weniger mit wissenschaftlichem Bestreben denn als politisches Kapital.

Jahre nach dem Tod des Großvaters beginnt Ivna Zic, sich mit dieser Familiengeschichte zu befassen. Diese Spurensuche, die mitten ins Spannungsfeld zwischen jugoslawischer Geschichtsklitterung und kroatischer Identitätsfindung führt, steht im Mittelpunkt von "Blei", das am Donnerstag im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt wurde.

Auf die Bühne kommt denn auch die Suche selbst: Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen inszeniert "Blei" wie das Making-of eines Dokumentarfilms. Auf einer großen Leinwand sieht man die Schauspieler und Ivna Zic zusammensitzen und über die Vorgehensweise beraten. Die Stimmen dazu werden live von den Schauspielern auf der Bühne synchronisiert. Das einzige Bühnenbild ist eine Küche, in der über weite Teile Sebastian Schindegger als Zics Großvater sitzen wird.

Erst wird ein Abriss der Geschichte Kroatiens gegeben, inklusive der wechselnden Farbe des ersten Karos im Schachbrettwappen der Flagge. Dann kommt man zum Massaker von Bleiburg: Die Militärs des "Unabhängigen Staats Kroatien", die von den Nazis protegierte sogenannte Ustascha, und zahlreiche Zivilisten wollten sich an der österreichischen Grenze (Bleiburg in Kärnten) den Briten ergeben - um den Tito-Partisanen zu entkommen. Die Briten, die einen Deal mit Tito hatten, lehnten ab und übergaben die Menschen den Partisanen. Massenerschießungen und Todesmärsche in Gefangenenlager waren die Folge. Hierzulande kennt man Bleiburg am ehesten von Zeitungs-Kurzmeldungen über die jährliche, umstrittene Gedenkveranstaltung, die auch rechtsextreme Gäste anzieht.

Zic und ihr Team (Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger, Jacob Suske und Stephan Weber) interviewten einen Kärntner Museumsbetreiber, der ihnen von Spielzeugfunden erzählt, die beweisen, dass auch Zivilisten hier Opfer wurden. Und sie ließen sich von einem Zeitzeugen schildern, wie er den Todesmarsch überstanden hat - 15 Tage 555 Kilometer zu Fuß ohne Schuhe. Wenn die Erzählung von Zvonimir Springer fast unerträglich wird, wechselt die Perspektive: Dann hört man die Stimme des alten Mannes und der Schauspieler, der ihm zuvor seine Stimme geliehen hat, leiht nun den Körper. Gleichzeitig verwandelt er sich in Zics Großvater, der Ähnliches erlebt haben muss. Ein simpler, aber effektiver Trick, der deutlich macht, was Zic am Ende des so lehrreichen wie unterhaltsamen Stücks erklärt: Dass diese Recherche niemals eine objektive Wahrheit zu Tage fördern kann. Aber wenigstens ein Dialog mit dem Großvater ist.