• vom 28.04.2017, 17:01 Uhr

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Update: 28.04.2017, 18:03 Uhr

Jelinek

Vom "Kriegerl" und "Hoamatl"




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Von Petra Paterno

  • Elfriede Jelineks "Burgtheater" ist Leerstelle und Identitätsstück: Ein Symposium ergründet das Stück.

Königspaar: Das Foto zeigt Attila Hörbiger und Paula Wessely im Film "Späte Liebe" (1943). Elfriede Jelinek persifliert das Künstlerpaar in ihrem Stück "Burgtheater".

Königspaar: Das Foto zeigt Attila Hörbiger und Paula Wessely im Film "Späte Liebe" (1943). Elfriede Jelinek persifliert das Künstlerpaar in ihrem Stück "Burgtheater".© apa/Nachlass Paula Wessely/Theatermuseum Königspaar: Das Foto zeigt Attila Hörbiger und Paula Wessely im Film "Späte Liebe" (1943). Elfriede Jelinek persifliert das Künstlerpaar in ihrem Stück "Burgtheater".© apa/Nachlass Paula Wessely/Theatermuseum

Elfriede Jelinek ist derzeit eine der meistgespielten Dramatikerinnen. Dennoch gibt es ein Stück, das so gut wie nie gespielt wurde und in Wien überhaupt noch nie zu sehen war: "Burgtheater". In diesem Stück verhandelt die Autorin auf überaus amüsante und lehrreiche Weise die Geschicke einer österreichischen Schauspielerdynastie und hinterfragt, welche Rolle diese berühmten Künstler während der NS-Diktatur spielten.

Was hat es mit diesem Stück auf sich? Warum gelangt es nicht ans Burgtheater? Die "Forschungsplattform Elfriede Jelinek", geleitet von der Germanistin Pia Janke, widmet diesen Fragen nun eine mehrtägige interdisziplinäre Veranstaltungsreihe. Unter dem Titel "Elfriede Jelineks ,Burgtheater‘ - eine Herausforderung" finden bis Freitag, 5. Mai, Vorträge, Gesprächsreihen, Filmvorführungen statt (Programm siehe Kasten).

Information

"Nestbeschmutzerin"

Die Künstlerfamilie, die in "Burgtheater" auf entlarvende Weise persifliert wird, ist unschwer zu erkennen. Es handelt sich um Paula Wessely und ihren Mann Attila Hörbiger, beide waren vor 1938 berühmte Schauspieler, ihre Karrieren verliefen während der NS-Zeit nahtlos weiter, in den Nachkriegsjahren galten die beiden endgültig als Königspaar des Burgtheaters. Auch Attilas Bruder Paul spielt im Stück eine tragende Rolle sowie die drei Töchter - neben Maresa und der berühmten Filmschauspielerin Christiane Hörbiger noch Elisabeth Orth, heute Doyenne des Burgtheaters.

Die Schauspieler wurden zu Lebzeiten auf eine heute kaum mehr nachvollziehbare Weise verehrt. Dass Jelinek in ihrem Stück am Lack dieser Künstlergrößen kratzte, wurde als Affront gesehen. Das Stück wurde 1982 verfasst, 1985 in Bonn uraufgeführt, also zu einer Zeit, in der die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hierzulande noch weitgehend tabuisiert war.

Als nun Anfang der 1980er Jahre bekannt wurde, dass das Burgtheater unter Intendant Achim Benning darüber nachdachte, das Stück herauszubringen, entbrannte ein veritabler Kulturkampf. Die Hetzkampagne wurde von der "Kronenzeitung" angezettelt und von der bürgerlichen Presse befeuert. Elfriede Jelinek, damals noch am Beginn ihrer Karriere, wurde als "Nestbeschmutzerin" diffamiert. Daraufhin verhängte sie eine Aufführungssperre in Österreich, einzige Ausnahme: das Burgtheater, aber bis heute wurde das Stück nicht an dem Ort gezeigt, für den es eigentlich geschrieben wurde.

Identitätsstück

"Burgtheater" ist, verglichen mit Jelineks späteren Dramen, eher konventionell konzipiert. Es spielt 1941 und 1945, hat klar umrissene Figuren und eine Handlung, verhandelt wird die Anfälligkeit von Künstlern für Ideologien. Das Stück ist voll mit Filmzitaten und Anspielungen auf österreichische Klassiker. Bemerkenswert ist vor allem die Sprache. Jelinek entwirft einen ganz eigenen Kunstdialekt, die bizarren Dialoge haben dadurch einen ziemlichen Unterhaltungswert. "Sie hot dieses Esterreichertum so unglaublich erfoßt und konn es wiedergeben", heißt es an einer Stelle etwa über Paula Wesselys Schauspielkunst, auch ist häufig vom "Hoamtl" und "unserem Kriegerl" die Rede.

Warum das Stück in all den Jahrzehnten nie am Burgtheater gespielt wurde, bleibt ein Rätsel. Die Dramaturgie antwortet auf Anfrage der "Wiener Zeitung", dass das Stück zwar immer wieder in Diskussion sei, man sich letztendlich aber doch für aktuellere Stücke entscheide.

So wird Jelineks "Burgtheater" wohl bis auf weiteres Identitätsstück und Leerstelle bleiben.

"Elfriede Jelineks ,Burgtheater‘ - eine Herausforderung" ist eine Veranstaltungsreihe der Forschungsplattform Elfriede Jelinek. Von Samstag, 29. April bis Montag, 1. Mai finden im Österreichischen Filmmuseum Vorträge von Sabine Perthold, Gertrud Koch und Bernhard Groß statt, anschließend werden Filme mit Paula Wessely gezeigt - wie "Maskerade" (1934) und der NS-Propagandafilm "Heimkehr" (1941).

Am Donnerstag, 4. Mai sprechen im Institut für Theater-, Film und Medienwissenschat Monika Meister und Artur Pelka über "Burgtheater". Zum Abschluss der Reihe wird am Freitag, 5. Mai, im Burg-Vestibül die Skandalisierung des Stücks verhandelt. Zu Wort kommen etwa Sigrid Löffler, Oliver Rathkolb und Karl Barrata.





Schlagwörter

Jelinek, Burgtheater

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-28 17:06:05
Letzte nderung am 2017-04-28 18:03:12



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