Bühne leer, Theater tot? Die im Programm genannte Bühnenbildnerin Katrin Brack habe das Bühnenbild gestohlen. So der Running Gag in der Chaos-Comedy "Carol Reed" im Akademietheater. Auf Spielfilmlänge fahren drei mit großen und kleinen Töpfen bestückte Scheinwerferbrücken auf und ab, ab und auf. Nicht die erste metaphorische Kampfansage René Polleschs an Opas Dramatik. Vom alten Erzähltheater bleibt nur die technische Infrastruktur.

Dass man mit dem Postdramatiker René Pollesch die Kunstkatze im Sack kauft, ist bekannt: Er dichtet, während er probt. Hoffte die Direktion, er beglücke Wien mit Reminiszenzen an Carol Reeds "Dritten Mann", 1949? Falsch getippt. Entlang eines legendären Zitats von Alfred Hitchcock breitet er seine Phantasien über ein Ding aus, das es nicht gibt, und ein Theater ohne Bedeutung. Hitchcock deponierte in einem Interview den Namen MacGuffin. Der ist seither in der Cineastik Synonym für ein Objekt, das zwar eine Handlung in Gang setzt, aber stets vage und bedeutungslos sein soll.

Vage gewiss. Doch gewiss nicht bedeutungslos komponiert der theoretisch versierte Pollesch. Er amüsiert mit verblüffendem Nonsens, virtuoser Rabulistik. Einmal Gesagtes stülpt er – Dekonstruktion des Individuums! – über andere Figuren. Eine Hohnphantasie Richtung Frank Castorf: Für einen 2000-Seiten-Roman war eine Bühne voller Projektionsleinwände aufgebaut, doch sei, so wird erzählt, die Technik ausgefallen. Im anschwellenden Wortgeklingel schwingen Referenzen aus der Kinogeschichte und aktuellen Diskursen mit. Im Programmheft – also zu spät – empfiehlt er zur Vorbereitung Yves Roberts Kleingruppenkomödie "Ein Elefant irrt sich gewaltig" (1976), die Moderne-Kritik des Wissenschaftssoziologen Bruno Latour und den Essay "Lacan in Hollywood" von Slavoj Žižek.

Haschischtrip und Weltverlust

Das Theater ist tot – es lebe das Kino! Dramatische Filmmusik zur Einstimmung, ein Wirbel kreisender Scheinwerfer. Dass Polleschs Kopfgeburt nicht ausgepfiffen, sondern von einem Teil des Publikums bejubelt wird, verdankt sie ausgereizter Schauspielkunst. Birgit Minichmayr in einem überreichen rosa Tülltutu in barocker Façon, oben schulterfrei. Aus allen Poren trieft Spielfreude, die aus nichts etwas macht, gemäß der Wiener Weisheit, dass großen Mimen als Text das Telefonbuch genüge. Gar nicht damenhaft der Furor ihrer Ausbrüche. Aber umwerfend. Martin Wuttke, elegant im Smoking wie ein Entertainer oder Edelganove, soll wen vorstellen, der nichts bedeutet. Ein Null-Design. Hinter routiniertem Charme blinzelt bisweilen Godot-Verlassenheit auf. Irina Sulaver und Tino Hillebrand sind brave Wortzuträger. Als Quartett kugeln sie wie Bärenkinder in orangen Raumanzügen, scheinbar schwerelos, über den mit Kunstnebelschwaden weichgezeichneten Bühnenboden. Ein Haschischtrip, verführerisch in Slowmotion vorgeführt.

Alle Zitate und Bezüge in Polleschs mit Verspätung fixiertem Stücktext (die Premiere musste um einen Tag verschoben werden) wird erst Fleißarbeit in Filmsemiotik-Seminaren aufklären. Für den Hausgebrauch enthüllt Google: Der Wiedergeher des "Mr. Memory" aus Hitchcocks "39 Stufen" nennt sich hier "MacGuffin" und heißt auch Monsieur Bouly – wie eine Figur im Yves-Robert-Film und der Lumière-Zeitgenosse, auf den das Wort Cinémathographe zurückgeht.

Hängt alles mit allem zusammen? Die Gier nach Verstehen des Universums treibt eine finale Blüte in der Begegnungszone zwischen Physik und Metaphysik. Die vier sinnieren, aus dem Haschrausch erwacht, über die Welt vom Urknall bis zu deren Kältetod. Nach so viel Wurschtelspiel eine jähe Notbremsung.