• vom 05.05.2017, 16:48 Uhr

Bühne

Update: 05.05.2017, 16:56 Uhr

Theaterkritik

Not auf 16 Treppenstufen




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Von Hans Haider

  • "Die Wildente" von Henrik Ibsen, kurz gefasst in der Josefstadt.

Schnelle Worte auf der Stiege: Roman Schmelzer (Hjalmar) und Gerti Drassl (Gina). - © Astrid Knie

Schnelle Worte auf der Stiege: Roman Schmelzer (Hjalmar) und Gerti Drassl (Gina). © Astrid Knie

Die beste Nachricht vorweg: Die Josefstadt wagt sich aus der Salonkonversationskonvention heraus. Und das bei Ibsen, der dem Wort gerne reichlich Auslauf ließ in bürgerliche Großstuben mit schwerem Mobiliar. Auch das 1885 uraufgeführte Schauspiel "Wildente" beginnt redselig zwischen Arbeitszimmer und Speisesaal, ehe es in ein Fotografenatelier übersiedelt. Dort haust die unverschuldete Not. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik und ihr Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt gönnen ihr als Spielraum nur 16 Stufen einer steilen Treppe.

Aus einer schwarzen Wand herausgeleuchtet, gleicht sie der Station einer Standseilbahn im Längsschnitt. Darüber noch die Leiter in den Dachboden. Wo der verstörte alte Ekdal auf Hasenjagd geht und mit seiner Enkelin eine halbtote Wildente gesundpflegt. Ekdal sen. wurde vom inzwischen zum reichen Konsul aufgestiegenen Hakon Werle zum Sündenbock für dessen Betrügereien gemacht. Der Täter erleichtert seitdem sein Gewissen mit verschämten Geschenken. Werles Sohn Gregers leidet unter Vaters Verbrechen, will Aufklärung, Sühne. Ist Hedvig ein Kuckuckskind seines Vaters? Mit seinem Wiedergutmachungsfuror stürzt der Tätersohn die Opferfamilie ein zweites Mal ins Verderben.

Information

Die Wildente

Theater in der Josefstadt

Wh. bis Juni und ab September

Jetztzeit. Nicht nur die schräge Optik überrascht, während der Eiserne Vorhang mit dem Canaletto-Blick auf Wien synkopisch langsam hochfährt. Eine Menschentraube vor der Dachbodenluke. Aus einem Kofferradio ein monotones Pausenzeichen. Die Panik des Schlussbildes schon als Auftakt für die Aufklärung schreiender Lebenslügen, verschwiegenen Vorlebens. Doch zu oft reißt der rote Faden, der durch das Labyrinth alter Sünden leiten soll. Denn dem Figurengalopp treppauf treppab in 80 pausenlosen Spielminuten fehlt wenigstens ein Drittel des Textes (in der Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel). Was blieb, wird zumeist hastig und darum oft schwer verständlich gesprochen.

Bilder der Überforderung

Dynamik am Drama vorbei. Nicht mehr die filigrane Nötigung, mit der Gregers den lebensuntüchtigen, von Erfolgen als Erfinder träumenden Hjalmar quält, bannt den Zuschauer, sondern das artistische Rauf und Runter auf der halsbrecherischen Treppe. Einmal sogar ein professioneller Treppensturz von einem Stuntman. Körperliche Anstrengung, straff bis zum Platzen gespannte Hosenböden beim Aufstieg über die Leiter unter Dach. Bilder der Überforderung bis zum Gehtnichtmehr.

Der Moralapostel (Raphael von Bargen) verfolgt im Eilgalopp den existenziell wackligen Jugendfreund Hjalmar (Roman Schmelzer). Ein flaches Herrenduo ohne Zeitfenster, in dem sich Gefühle offenbaren könnten. Armselig die Hauskleider, in die Alan Hranitelj Mutter und Tochter, Gerti Drassl und Maresi Riegner, steckte. Stummes Leid in den Gesichtern der Frauen. Die Mutter ertappt: Kann oder will nicht sagen, wer Hedvigs Vater ist? Das Töchterchen kurz vor dem Erblinden. Nicht-mehr-sehen-Können zwingt das Kind zum Angreifen, Umarmen. Jäher Schrecken, wenn es vom Vater weggestoßen wird. Jetzt heißt es, alles opfern, um ihn zurückzugewinnen. Gregers meint den Symbolvogel. Hedvig meint zu wissen: sich selbst. Koležniks Regiehände verwöhnen auch den fülligen Siegfried Walther. Dass dieser Großvater nur nie vom Sprissl purzle!

Die übrigen Figuren stehen am Rand, in Episoden gequetscht. Der wuchtige alte Werle Michael König hält sich Susa Meyer als pseudomondäne Flamme. Vom weisen Arzt Relling, der Hjalmar vor der zerstörenden statt reinigenden Wahrheit bewahren will, bleibt nur ein polternder Hausgeist. Seinen Patienten Molvik, einen gescheiterten Theologen, führt er wie von der Psychiatrie niedergespritzt vor. Das Schlusswort kommt aus dem Kofferradio. Ein Wunschkonzertonkel gratuliert Hedvig zum 14. Geburtstag. Die ist schon tot fortgetragen. Der Eiserne Vorhang senkt sich pietätvoll langsam. Herzlichen Applaus bekommen die Damen.





Schlagwörter

Theaterkritik, Josefstadt

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-05 16:54:11
Letzte Änderung am 2017-05-05 16:56:50


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