Die "Jedermann"-Gesellschaft in Salzburg auf der Tribüne wird heuer Stefanie Reinsperger in edler Garderobe bewundern, als strahlende Buhlschaft mit flachem Text. Ganz anders die Paradedame des Wiener Volkstheaters als "Philoktet" von Heiner Müller. Keine Hosenrolle, nicht verkleidet. Sondern eine tobende, sich voll Wut am Boden wälzende, brüllende, flennende, höhnende Schmerzensfrau, mal hilfloses Riesenbaby, mal hinkender Krüppel, mal explodierende Furie. Jäh kommt sie, in ein Freizeitkleid gezwängt, in Fahrt, jäh bricht sie zusammen; dann rappelt sie sich wieder auf, mit der Eleganz einer gestrandeten Seeschildkröte.

Ein verstörendes Theaterereignis in der kleinen Volx-Bühne am Margaretengürtel. Die drei Darsteller in diesem wie in Stein gemeißelten Blankversgedicht zum Angreifen nah.

Philoktet, so die von Sophokles in einer Tragödie bewahrte Sage, wurde von den Griechen auf ihrer Rachefahrt nach Troja einer schwärenden, übel riechenden Fußwunde wegen auf der Insel Lemnos ausgesetzt. Die zehn Jahre später zu Schiff aus Troja kommen und den Verwahrlosten aufstöbern, sind Odysseus und des getöteten Achilles verdatterter Sohn Neoptolemos.

Klamotte und Tragik

Griechenlands Streitmacht steckt vor Troja fest, zum Sieg braucht es Philoktets Pfeil und Bogen, ein Geschenk des sterbenden Herakles für dessen letzten Gnadendienst. Gemäß dem Plan des skrupellos schlauen Odysseus gibt Neoptolemos vor, von den Griechen enttäuscht heim nach Attika zu fliehen. Der Betrug gelingt nur halb, denn Neoptolemos schämt sich, er läuft zu Philoktet über - wird aber, mehr zufällig als gewollt, von ihm getötet. Wunderwaffe gerettet, heim aufs Schlachtfeld, Krieg gewonnen!

Der junge deutsche Regisseur Calle Fuhr riskiert, als Schänder der Klassiker Sophokles und Müller missverstanden zu werden. Doch legte der Dichter selbst eine Fährte, wenn er Philoktet fragen lässt: "Wie lang war ich mir selber Mann und Weib, uneins mit dem Geschlecht". Fuhr braucht eine neue Lösung, denn der Hintergrund dieser dramatischen Abrechnung mit den unerfüllbaren Forderungen des DDR-Sozialismus verschwimmt jeden Tag mehr. Der vom Regime missgeliebte Sprachvirtuose Müller schrieb sie 1961/62, in Tagen des Mauerbaus. Erst 1968 wurde sie in München uraufgeführt. Odysseus verkörpert darin den Typ des gewissenlosen Funktionärs, Neoptolemos den zum Widerstand erwachenden Moralisten, Philoktet das unschuldige Opfer, das zum Täter wird. Frau und Opfer: nicht weit hergeholt.

Luka Vlatkovićs von Locken umkränzter Kopf mit schmalstehenden Augen gleicht griechischen Tragödenmasken in Stein und Ton. So schlampig er daherkommt, so fein sein Spiel mit allen Defiziten eines Antihelden. Sebastian Klein dagegen, stimmtechnisch brillant, ein wichtigtuerischer Jungbrutalo vom Typ Assistent der Geschäftsführung.

Der Prolog für Philoktet in Clownsmaske ist gestrichen. Mit einer Frau wie Reinsperger kommt Erotik ins freudige Sich-Umarmen und in die Wechselreden. Der kluge Fuhr baut vor, dass nicht der Kampf der Ideologien zu gemeinem Kampf der Geschlechter verkomme. Statt den Eindringling von Angesicht zu Angesicht zu entdecken, spricht Reinsperger zu einem Schokoladepapierl, das er weggeworfen hat. In einem Einschub rezitiert sie ein wunderschönes Poem über Kinder, die Verstecken spielen, aus dem Müller-Stück "Zement", einer Sowjetisierungsgeschichte im Antikriegsgewand aus 1972.

Auch nicht im Original der Satz "Ich hasse Odysseus". Philoktet schreibt ihn mit angespucktem Finger in den Staub, der einer Bierflasche an den Lippen des Neoptolemos entwich. Eine Irritation, die sich wiederholt: Bei jedem Schluck muss ein verhasster Grieche vor Troja sterben. Klamotte und Tragik so nahe zusammen: Das mag befremden. Und ist doch auch der große Heiner Müller, wie er im Buche steht.