"Democracy in America" (links), die neue Arbeit von Romeo Castellucci. - © Guido Mencari
"Democracy in America" (links), die neue Arbeit von Romeo Castellucci. - © Guido Mencari

Wo geht’s zum Theater? In der diesjährigen Spielzeit, der ersten unter dem neuen Intendant Tomas Zierhofer-Kin, 48, wird sich dies wohl mancher Festwochenbesucher fragen. Performatives und Clubkulturelles dominieren den Spielplan; das Sprechtheater befindet sich auf dem Rückzug, und das Musiktheater wird zur Experimentierspielwiese. Mit neuen Formaten wie der Musikschiene "Hyperreality" und dem Diskursprojekt "Akademie des Verlernens" plant der ehemalige Donaufestival-Chef gleichsam Mini-Festivals innerhalb des Festivals.

Die Neuausrichtung - vor allem die pompöse theoretische Ummantelung - stieß vorab zum Teil auf heftige Kritik; von "Kunstgrüßen aus dem Diskursfleischwolf" war etwa im "Standard" die Rede; "Kunst hinterm verbalen Stacheldraht" machte der "Kurier" aus. Was hat es mit dem Programm eigentlich auf sich? Ist das Neue tatsächlich so neu?

Ein Glossar als Wegweiser durch das Programm 2017

Anfang, der

Die 1951 gegründeten Festwochen sind eines der größten europäischen Kunstfestivals, das über sichere finanzielle Mittel verfügt, beim Publikum gut eingeführt ist, traditionell umfangreiche Dreispartenprogramme und als programmatische Eckpfeiler internationale Gastspiele bietet. Die Devise lautet seit je: große Künstler, neues Denken, neue Theaterformen nach Wien holen.

Bühnenabenteuer, jetzt! Schauspielertheater à la Peter Brook - eine Szene aus "Battlefield". - © Zhang
Bühnenabenteuer, jetzt! Schauspielertheater à la Peter Brook - eine Szene aus "Battlefield". - © Zhang

Denken, neues

Eine überraschende Lust am Theoretischen durchzieht das Programm 2017. Mit der postkolonialen Theoretikerin Gayartri Charkravorty Spivak, dem linken Exzentriker und Querdenker Slavoj Žižek und der Journalistin Caroline Emke ermöglichen die Wiener Kunstspiele Begegnungen mit prominenten Intellektuellen. In Formaten wie "Archiv der Zukunft" hinterfragen sich die Festwochen zugleich selbst.

Ekstase, programmierte

Der in New York lebende Kurator Ben Pryor präsentiert mit "House of Realness" US-amerikanische Alternativkultur. Das Programmheft verspricht "rituelle Heilpraktiken", eine "queere Zukunftslandschaft", "Glamour als Widerstand" sowie schlicht "Ekstase". Hinterfragt werden sollen dabei antiquierte Kategorien wie Geschlecht, Rasse, sexuelle Identität. Programmschienen, die das subversive Potenzial von Subkulturen anzapfen, sind bei den Festwochen allerdings nicht so neu, wie es nunmehr scheint: In den 1980er und 1990er Jahren gab es in der Reihe "Big Motion" ähnliche Ansätze; in den vergangenen Jahren waren performative Aufführungen im Queer-Kontext fixer Bestandteil des Programms.

Ein Darsteller aus Tianzhuo Chens Opernexperiment "Ishvara". - © Nick Widmer
Ein Darsteller aus Tianzhuo Chens Opernexperiment "Ishvara". - © Nick Widmer

Höhepunkte, programmierte

Im Volkstheater ist "Democracy in America" zu sehen, die neue Arbeit von Romeo Castellucci, der mit der Wachkomapatientin in "Orfeo ed Euridice" 2014 in Wien für Furore sorgte. Altmeister Peter Brook ist mit "Battlefield" vertreten. Ivo van Hove, der belgische Regisseur war mit seiner Toneelgroep Amsterdam auch regelmäßig Gast bei den Festwochen, zeigt mit "Obsessions" eine Großproduktion mit Hollywoodstar Jude Law in der Hauptrolle. Auch das Back to Back Theatre aus Australien gastiert erneut in Wien und zeigt "Lady Eats Apple". Vielversprechend klingt auch Jonathan Meeses und Bernhard Langs "Parsifal"-Überschreibung. Kryptischer Titel: "Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)".

Kuratoren, neue

Bislang wurden die Festwochen stets von Programmdirektoren verantwortet, die je für das Schauspiel respektive für das Musik-Genre zuständig waren. Darunter fanden sich versierte Theaterfrauen wie Stefanie Carp, Marie Zimmermann und Frie Leysen.

Neo-Intendant Zierhofer-Kin suspendierte die Zuständigkeiten nach Kunstsparten; es entscheidet nun ein vierköpfiges Kuratorenteam über das Programm, neben Zierhofer-Kin Marlene Engel, Johannes Maile und Nadine Jessen. Die Strukturreform stellt zugleich einen Generationenwechsel dar (niemand aus dem Team ist über 50) und eine Art Branchenumkehr, weil keiner der Verantwortlichen unmittelbar aus dem Theaterbereich kommt.

Marlene Engel machte sich als Club-Veranstalterin einen Namen, das mehrtägige Clubfestival "Hyperreality" trägt ihre Handschrift. Johannes Maile war zuvor künstlerischer Leiter der Bereiche Tanz und Theater im Wuk, ist selbst als Performer aktiv (etwa bei God’s Entertainment) und war wie Engel bereits beim Donaufestival in Zierhofer-Kins Team.

Nadine Jessens vorige Wirkungsstätte war das Hamburger Kampnagel, ein Koproduktionshaus vergleichbar dem Wiener brut. Der Festwochen-Programmpunkt "Hamamness" wurde bereits im Kampnagel erprobt: Ein mobiles Hamam fungiert nicht nur als orientalischer Wellnessbereich, sondern etabliert einen Kulturraum gegen rassistische Vorurteile. Die Arbeiten von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen konnte man ebenfalls bereits im Kampnagel sehen; bei den Festwochen zeigen sie Mozarts "Entführung aus dem Serail".

Popkultur, die

"Was in der Romantik die Lyrik war, ist heute die Popkultur", bemerkte Tomas Zierhofer-Kin in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" - und begründete damit auch die starke Verlinkung der diesjährigen Festwochen mit popkulturellen Phänomenen. Auch hier gibt es Festwochen-Vorbilder: In den 1960er und 1970er Jahren fand unter dem Schlagwort "Arena" die Hippiekultur samt Rockkonzerten Eingang ins Programm.