Die Schauspielerin Lilith Stangenberg tritt drei Schritte vor. Sie säuselt: "Nein, wir wollen hier nicht weg, alles ist perfekt". Sie steht in einem Bühnenbild von Anna Viebrock, die auch als Professorin für Bühnengestaltung an der Wiener Akademie tätig ist. Für "Tessa Blomstedt gibt nicht auf", das in der Regie von Christoph Marthaler 2014 in der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde, baute Viebrock die große Halle des mo.ë, eines Artist-Run-Space in der Thelemangasse im 17. Wiener Gemeindebezirk, eins zu eins nach.

Auch bei "Your’re being sued", einem "Theater-Game zwischen Farbbomben und Aktenordnern" von Valerie Bosse und Marie-Christin Rissinger, tritt Stangenberg drei Schritte vor. Und intoniert den Text von Helene Fischers "Atemlos durch die Nacht" auf unwiederbringlich melancholische Weise. Nur befindet sich das Publikum nicht in Berlin, sonder in besagter Halle in Hernals, auf deren Wand das Video von der Volksbühnen-Produktion projiziert wird.

Premiere hatte "Your’re being sued" im Oktober 2016 im Rahmen von urbanize!, einem Festival für Stadtforschung. Ende April gab es noch einmal die Möglichkeit, an dieser exquisiten Veranstaltung an der Schnittstelle von Theater, Urban Gaming und Lehrstück teilzunehmen. Diesmal mit noch größerer Melancholie. Denn nun steht fest: Ende Mai 2017 schließt das mo.ë. Es muss schließen.

Schon für den 1. Jänner 2016 war der Kulturverein aufgefordert gewesen, aus den Räumlichkeiten in der Thelemangasse auszuziehen, um das Objekt einem durch den (damaligen) Eigentümer Vestwerk geplanten Gentrifizierungsprozess zur Verfügung zu stellen. In der großen Fabrikhalle der ehemaligen k. u. k. Orden- und Medaillienfabrik Mandelbaum, Schauplatz auch des Romans "Ewigkeitsgasse" von Frederic Morton, sollen drei Luxuslofts entstehen. Trotz gegenteiliger Vereinbarungen wurde der Mietvertrag für den Kulturverein pica pica nicht verlängert. Trotz bestehender unbefristeter Mietverträge für andere Parteien im Gebäude soll die Thelemangasse 4 "aufgewertet", sprich renoviert und mit Profit verkauft werden.

Seit 2010 hat der Kulturverein den Standort erfolgreich mit Ausstellungen, Performances und Konzerten bespielt. Auch seitens der Stadt Wien wurde das Projekt geschätzt. Mit zehn Ateliers, einem internationalem Artist-in-Residence Programm, einer Werkstatt und einem Proberaum war die historische Örtlichkeit für die Öffentlichkeit zugänglich und etablierte sich als Raum für progressive Kunstprojekte. Zwei Gerichtsverfahren, den Kosten für das Berufungsverfahren und einem großen theoretischen wie aktivistischen Engagement später, steht nun fest: Das Mai-Programm wird das letzte des mo.ë gewesen sein.

Bosse und Rissinger, beide im Kulturverein tätig, geben mit "Your’re being sued" dem Publikum die spielerische Möglichkeit, das reale Verfahren gegen Vestwerk inklusive Rechtsberatung, Drohungen und Hausbesetzungs-Know-How nachzuspielen.

Dabei konstituieren sich die Teilnehmenden als Verein, bekommen Post und reagieren gemeinschaftlich auf die jeweiligen Spielaufgaben. Perfekt getimt stürzen die Ereignisse über das auf sich gestellte Publikum her. Nicht nur ergibt sich dergestalt ein spannungsreiches Theater-Game, die unlauteren Taktiken der Gentrifizierung bekommen eine dringliche Bühne. In den Räumlichkeiten des mo.ë, das Ende eben dieses Kulturvereins im Rahmen einer Inszenierung nach zu erleben, ist ein unwiederbringlich melancholisches Theatererlebnis.

Info: www.moe-vienna.org