• vom 18.05.2017, 16:37 Uhr

Bühne

Update: 18.05.2017, 17:00 Uhr

Jubiläum

Der 3800-Auftritte-Mann




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Von Christoph Irrgeher

  • Plácido Domingo sang erstmals vor 50 Jahren an der Wiener Staatsoper. Eine Ausstellung und ein Galaabend feiern den Sänger der Superlative.

Jeder Zoll ein Prachttenor: Domingo 1987 an der Wiener Staatsoper als Otello.

Jeder Zoll ein Prachttenor: Domingo 1987 an der Wiener Staatsoper als Otello.© Foto Fayer Jeder Zoll ein Prachttenor: Domingo 1987 an der Wiener Staatsoper als Otello.© Foto Fayer

San Francisco, 1967: Der Sommer der Liebe bricht aus. Sanfte Menschen stecken sich Blumen in die Haare und Gras in die Zigarette, sie fantasieren von einer Welt ohne Kriege, Besitztümer und BHs. Die Reiseleiter dieses Selbstbefreiungs-Trips: Gurus, Chemiekundige, Musiker. Jim Morrison singt, noch mit intakter Leber, vom Durchbruch hin zu einer anderen Seite, Jefferson Airplane wollen, mit viel Halleffekt und Gekreisch, in den Bau des "White Rabbit" zu den lustigen Pillen vordringen.

Wien im Jahr 1967. Im Musikleben gibt -Rauchzeichen aus Übersee hin oder her - die Oper den Ton an. Wer das Haus am Ring beehrt, kommt in Abendgarderobe. Am 19. Mai wird den Freunden klassischer Meisterwerke eine Novität geboten: Ein junger Spanier namens Plácido Domingo tritt erstmals auf. An ausländischen Häusern bereits ein Begriff, kann der Tenor, der seine Jugend in Mexiko verbracht hat, mit der Titelrolle des "Don Carlo" debütieren. Des weiteren an diesem Verdi-Abend zu hören: Die Sänger Gwyneth Jones, Cesare Siepi und Heinz Zednik; den Taktstock führt der Kroate Berislav Klobučar.


Jahrhundertphänomen
50 Jahre später haben sich die Nebel und Ideengespinste der Hippie-Zeit weitgehend in Luft aufgelöst. Der Wiener Opernfreund wiederum kennt jene Sänger, die am 19. Mai 1967 aufgetreten sind, fast nur noch aus der seligen Erinnerung. Mit einer Ausnahme: Domingo. Er tourt noch im Alter von 76 mit einer Selbstverständlichkeit, dass an Ruhestand nicht zu denken ist. Dabei sind ihm (im Gegensatz zu manch anderem Pensionsverweigerer) nicht nur die Fanklubs hold geblieben, sondern auch die eigenen Stimmkräfte. Stimmt zwar: Sein Prachttenor ist ins Baritonfach abgesunken. Das hat aber auch den Vorteil, dass der Spanier noch jetzt Neuland im klassischen Katalog entdecken kann. Im Juni etwa wird er an der Wiener Staatsoper erstmals den Posa geben - und so den "Don Carlo" aus ungewohnter Perspektive erleben. Seine Erfahrungsfülle reicht freilich schon jetzt für mehrere Sängerleben. Seit seinem ersten Auftritt in Mexiko-Stadt hat Domingo 3800 Auftritte absolviert; traut man den Biografen, ist er in insgesamt 147 Rollen geschlüpft. Zudem hat er 500 Abende dirigiert.

Dass Domingo allein in Wien in 50 Jahren 330 Mal auftrat, gibt nun einer Jubiläumsausstellung im Theatermuseum Stoff (Kurator: Peter Dusek). Drei Räume sind mit Erinnerungsstücken angefüllt: Bilder in Rollenkostümen (aus dem legendären Fotostudio Fayer), CDs, Platten und Abendzettel zollen dem Wirken jenes Mannes Tribut, der zurecht mit dem Ausstellungstitel "Tenorissimo!" bedacht wurde: In der Blüte seiner Jahre mengten sich in Domingos Stimme Kraftfülle und Wendigkeit, dunkles Kolorit und glosender Schmelz zu einem Attentat auf die Sinne. Und sein Aussehen war entsprechend. Mögen Domingos Gesten auch einem konservativen Repertoire entstammen, mögen sie so traditionell anmuten wie die goldglänzenden, üppigen Kostüm-Exponate der Schau: Mit seinem durchdringenden Blick und der stattlichen Statur verstand (und versteht) es Domingo bis heute, höchster Dringlichkeit Ausdruck zu verleihen. Verständlich, dass der bestbesuchte Raum der Ausstellung jener mit den Highlight-Videos ist.

An der Staatsoper kann man ein solches Best-of übrigens heute, Freitag, bei einer Gala erleben: Gemeinsam mit Ensemblekräften singt Domingo einzelne Akte aus dem "Maskenball", "La traviata" und "Simon Boccanegra".

Heute, Freitagabend, findet an der Staatsoper ein Galakonzert mit Plácido Domingo statt, ORF III überträgt zeitversetzt ab 20.15 Uhr. Die Ausstellung "Tenorissimo!" läuft bis 8. Jänner 2018 im Theatermuseum.




Schlagwörter

Jubiläum, Placido Domingo

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-18 16:42:06
Letzte Änderung am 2017-05-18 17:00:13


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