Wien. Bravorufe, Beifallswogen, Blumen, Reden: Die Ehrbezeugungen, die Plácido Domingo am Freitagabend in der Wiener Staatsoper erhielt, hätten sich nicht weiter steigern lassen – es sei denn, man hätte diesem Mann, der hier soeben sein 50-Jahr-Bühnenjubiläum gefeiert hat, spontan ein Denkmal errichten und es durch den Bundespräsidenten enthüllen lassen



Domingos Sonderrolle kommt nicht von Ungefähr. Am 19. Mai 1967 hat der Spanier am Wiener Haus debütiert und seine globale Ende-nie-Karriere in den folgenden Jahrzehnten auch hier mit etlichen Terminen fortgesetzt: 253 Abende bewältigte der Temperamentstenor, der auch als Teilzeit-Dirigent aktiv ist. Und: Noch heute entdeckt er neue Gesangspartien für sich. Nachdem sich das Alter bei ihm zumindest insofern bemerkbar gemacht hat, als es seine Stimme ein Fach tiefer legte, fischt Domingo mittlerweile im Baritonteich nach Rollen. Das beschert der Staatsoper im Juni einen neuen Posa im "Don Carlo" – gesungen von einem 76-Jährigen. Ein Alter, in dem das Gros seiner Kollegen allenfalls noch bei Meisterkursen oder Ehrungen auftritt.

Auf der herbstlichen Höhe

Domingo dagegen kann sein 50-Jahr-Jubiläum in Wien aktiv feiern. Unter konzertanten Bedingungen – also ohne Kulissen, dafür mit Orchester und Sängern auf der Bühne – arbeitet er sich am Freitag durch ein Potpourri aus drei Verdi-Opern. Gewiss, man kann sich da fragen: Wie viel Opernsinn ergibt es, mit dem dicken Ende aus dem "Maskenball" (dritter Akt) zu beginnen, das erste Bild aus dem zweiten "Traviata"-Aufzug daran zu fügen und mit dem dritten Akt aus dem "Simon Boccanegra" zu schließen? Nun – die Teilstrecken dieses Pasticcios sind jedenfalls lang genug, um einen großen Rollengestalter glänzen zu lassen. Und dieser agiert hier auf der herbstlichen Höhe seiner Kunst.

Anfangs als ein Veteran des Blut-und-Rache-Fach: Die treulose Gattin und ihr Liebhaber müssen sterben, dröhnt Domingo als düsterer Ankarström, ballt die Opernfaust, schärft den Mörderblick. Mag sein: Manche Phrase verlässt seine Kehle nicht perfekt modelliert; das fleischige Timbre aber, die singuläre Spannkraft hat er sich bewahrt. Ramón Vargas singt daneben Gustav III. mit einer Intensität, als gäbe es kein Morgen – und damit sehr rollengerecht.

Gipfeltreffen der Kraftstimmen

Einen Königsmord und eine Pause später sind wir in der "Traviata" und damit bei einem Gipfeltreffen der Kraftstimmen: Dmitry Korchak, im Jahr 2004 Preisträger von Domingos Nachwuchs-Wettbewerb Operalia, singt den Alfredo mit panzerbrechender Wucht – doch damit leider etwas zu wüst, selbst für einen jugendlichen Liebhaber. Sonya Yoncheva wiederum, Operalia-Siegerin 2010 und heute selbst ein Star, gebietet als Violetta über eine ähnliche Kraftfülle, vermag diese aber wie aus der Ferne abzustufen und auf ein Engelspiano herunterzuregeln. Ihr Schicksalsduett mit Domingo gerät zum Höhepunkt des Abends. Wie diese Violetta um ihren Liebhaber kämpft, wie dessen Vater – bei Domingo mehr ein warmherziger, grauer Onkel als ein grausamer Sir – auf eine Auflösung der Amour fou dringt, und wie das Orchester unter Marco Armiliato diese Intensität schürt, das öffnet der Opernekstase auch ohne Kulissen Tür und Tor.

Die fehlende Szenerie stört auch beim "Simon" nicht weiter: Domingo legt seiner neuen Paraderolle reichlich Schauspiel in den Gesang. Da verzögert er bald eine Zeile leicht, verrückt bald eine Kantilene in den Sprechgesang, porträtiert insgesamt die Gestalt der verletzlichen, gnädigen Vaterfigur plastisch. Nach dem Schlusston öffnen sich die Gefühlsschleusen dann so richtig: Applaus, Blumen, Transparent ("Plácido wir lieben dich"), Reden von Kollegen und Direktor Dominique Meyer. Und Domingo? Vergilt dies alles gerührt, streut den Sängern, dem Orchester, dem Chor und dem Publikum mit tränenbebender Stimme Rosen und dankt zuletzt für einen "unvergesslichen Tag". Mögen noch viele folgen.