"E viva Mozart!", schallte es aus dem Publikum in die kurze Stille nach der ersten Arie des Abends. Der Rufer war wohl auch unter den zahlreichen Besuchern, die die große Halle des Museumsquartiers im Laufe der kommenden zweieinhalb Stunden noch verlassen sollten. Die, die blieben, wurden Teil eines grellen und doch matten Opernexperimentes, in dem der Versuch unternommen wurde, Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" mit Punk, hämmernden Beats, westafrikanischen Tanzrichtungen und einer Brise kollektiver öffentlicher Gruppentherapie zu verjüngen; die Oper abzuklopfen mit opernfremden Gattungen.

Weg mit der Zentralperspektive, die Liebe ist ein bourgeoises Konstrukt, die Oper sowieso, also auch weg damit. Zerstückeln, zerlegen, jeder ist ein Dramaturg und darf sich einbringen in das Mosaik, das Kollektiv hat die Macht. Eliten sind sowieso nur hassenswert und Mozart hätte heute sicher einen Facebook-Account. Was die Produktion des Theaters Bremen am Wochenende im Museumsquartier präsentierte, ist jedoch nicht das Ergebnis dieser versuchten Dekonstruktion, sondern der wild mäandernde Weg dorthin. Was dabei enthüllt wird, ist keineswegs die zeitlose Gültigkeit des auch heute durchaus brisanten Stoffes, sondern banale Belanglosigkeit.

Das Publikum wird auf die Bühne gebeten, sitzt zwischen Orchester - akustisch auf verlorenem Posten: die Camerata Salzburg unter Jonathan Stockhammer -, einem Mischpultturm und einer freien Spielfläche. Zwischen der Handvoll Arien und Duette, die vor allem geturnt oder wild betanzt werden, dürfen sich diverse Geistesblitze entladen. Osmin kriegt keine ab: ungerecht eigentlich. Vier Männer, zwei Frauen: Da kann es nur Probleme geben. Singen kommt von Weinen. Die beiden Damen in der Maske sind so etwas wie Therapeutinnen. Monogamie ist natürlich auch bourgeois. Gummibärchen verschleimen, vor dem Auftritt verzehrt, die Stimme. Ach ja, der Conferencier ist seit zwölf Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, aber auch ohne Homotrauschein glücklich. Und: "You can not put money into the women." Die ivorischen Performer dürfen auch noch Klischees vom wilden schwarzen Mann anprangern - das ist aber auch schon der einzige einleuchtende, wenn auch verschenkte Anknüpfungspunkt an die Oper.

Laue Gesellschaftskritik

Das, was eine gelungene moderne Opernregie an Aktualitätsbezügen und Gesellschaftskritik durch die Herangehensweise selbst vermittelt, wird hier verwässert und dafür lautstark drüber gebrüllt. Die Geschichte der Oper wird nicht erzählt, das ist doch Allgemeinbildung. Oder sie interessiert hier eh niemanden. Mozarts Werk dient nur als beliebiger Ausgangspunkt für eine vordergründig humoristische, grell und nichtssagende Collage. Die Akustik und die Feinheiten der Musik werden der offenen Bühne, der fordernden Choreografie und der teilweisen Verstärkung geopfert. Mozart war ja immerhin der Prophet des deutsch-türkischen Konfliktes. Und in der Oper ist es wie in der Altenpflege - auch hier halten Menschen aus dem Fernen Osten das europäische Erbe am Leben.

Junge Menschen für die Oper zu begeistern: Sollte das die Intention des Abends gewesen sein, sie ist gescheitert. Statt dessen zementiert die Produktion bereits vorhandene Vorurteile in Sachen Verstaubtheit und völliger Irrelevanz der Gattung noch kräftig ein: "Mozart ist eine Art Schlafmittel für die Generation Facebook." Dabei gelingt es den Machern jedoch nicht, etwas Neues aus dem selbst erzeugten Trümmerhaufen entstehen zu lassen. Sie verwechseln Dekonstruktion mit Destruktion. Was bleibt, sind banale, plakative und belanglose Zerstörungsergüsse und die nur bedingt spannende Zeugenschaft an der Selbstreflexion der Darsteller. Nur manchmal blitzt aus dem öden und lauten Opern-Schutthaufen ein winziger Funken Tiefgründigkeit auf. Mozart ist nicht umzubringen. Um ein Haar hätte der Abend diese Behauptung widerlegt.