• vom 05.06.2017, 16:28 Uhr

Bühne


Salzburger Pfingstfestspiele

Fein schillerndes Seelenbad




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Cecilia Bartoli zeigt in Salzburg mit "Ariodante" beeindruckendes Sänger-Musiktheater.

Noble und expressive Sangeskunst: Kathryn Lewek, Christophe Dumaux. - © Monika Ritterhaus

Noble und expressive Sangeskunst: Kathryn Lewek, Christophe Dumaux. © Monika Ritterhaus

Cecilia Bartoli glänzte in ihrer ersten Hosenrolle als Ariodante.

Cecilia Bartoli glänzte in ihrer ersten Hosenrolle als Ariodante. Cecilia Bartoli glänzte in ihrer ersten Hosenrolle als Ariodante.

Wenn man Oper als kultivierten Schutzraum versteht, in dem die reiche Palette an menschlichen Seelenzustände studiert und an die Figuren delegiert gefahrlos mitgefühlt werden kann, dann ist die aktuelle Produktion der Salzburger Pfingstfestspiele ein Musterbeispiel ihrer Gattung. Cecilia Bartoli hat als künstlerische Leiterin des Festivals eine Gruppe von exzellenten Künstlern um sich geschart, um anhand von Händels "Ariodante" ein fein schillerndes, zeitlos gültiges und intensives Seelenbad auszurichten. Sie selbst übernahm mit der Titelpartie ihre erste Hosenrolle und überzeugte nicht nur als kunstvoll und humoristisch mit gutturalen Koloraturen spielende, sondern auch als tiefgründige Gestalterin der zarten Nuancen. Der weiblichen Furiosität und Koketterie beraubt, mit der Bartoli sonst ihre Rollen garniert, konnte sie ihre virale, mitunter herbe Vitalität hier einmal pur leben.

Rund um ihre eigene Figur hat sich die römische Sängerin die Produktion im Haus für Mozart nach ihren Vorstellungen maßgeschneidert. Mit Christof Loy hat sie einen Regisseur gefunden, der das Stück um eine durch Intrige zu Unrecht der Untreue beschuldigten und nach Schicksalsschlägen rehabilitierten Prinzessin als fein gezeichnete psychologische Charakterstudie anlegt. Er stülpt dem Stück keine heutige Interpretation über, sondern konzentriert sich in einem neutral herrschaftlichen Raum (Bühne: Johannes Leiacker) darauf, die emotionale Essenz des Stoffes aus dem historischen Kontext zu destillieren. Er zeigt fein ausgeleuchtete Studien der menschlichen Psyche - und legt damit die Aktualität des Stoffes frei. Gehasst, geliebt und gezweifelt wird heute genauso wie vor 300 Jahren. Loy hat sich auch dazu entschlossen, die Ballette in seine Inszenierung zu integrieren, und baut sie geschickt mit den Choreografien von Andreas Heise in die Handlung mit ein.


Jenseits der Geschlechter
In der intensiven Kette an vokalen Seelen-Stilleben sind die Ballettmusiken willkommene Ruheoasen. Dass das geprüfte Paar alle Konventionen hinter sich lässt und befreit von allen gesellschaftlichen Zwängen und Mustern in eine neue Welt geht, ist ein schönes Schlussbild. Dass auch die Geschlechterrollen sich auflösen und Bartoli mit Vollbart, Kleid und wallender Mähne ins Finale geht, erweist sich eher als unfreiwilliges Conchita-Zitat denn als sinnstiftender Regieeinfall. Doch die feine Personenführung und die ebensolche musikalische Lesart des Abends überstrahlen die kleinen Unschlüssigkeiten deutlich.

Denn auch die musikalische Seite der Produktion trägt Bartolis Handschrift: Im Frühjahr 2016 hat sie ihr eigenes Barock-Ensemble gegründet, die in Monaco beheimateten Les Musiciens du Prince debütierten am Wochenende in Salzburg und lieferten keinen knorrig-dunklen Originalklang, aber eine elegante, klare und stimmige musikalische Basis für einen Abend, der ganz auf die Sänger zugeschnitten war. Gianluca Capuano führte das Ensemble mit teils flotten Tempi nicht so sehr als Dialogpartner der Stimmen, sondern als die natürliche Erweiterung der sängerischen Klangfarben. Nicht dass diese Stimmen eine Erweiterung ihrer Klangfarben nötig gehabt hätten.

Neben Bartoli beeindruckte in dem sehr guten Solistenensemble vor allem der französische Countertenor Christophe Dumaux als Ariodantes Widersacher Polinesso: Er verfügt über die ideale wie seltene Kombination aus perfekter Stimmkontrolle und maximaler Ausdruckskraft. Eigenschaften, die auch die US-amerikanische Sopranistin Kathryn Lewek einbrachte - als berührend, bezaubernde Königstochter Ginevra. Eine Produktion als Fest der Stimmkunst, voll atemberaubender klarer Momente purer Klangschönheit.

OPER

Ariodante

Salzburger Pfingstfestspiele

Wh.: 16., 18., 22., 25. & 28. August




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-06-05 16:33:16



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Bruno Ganz ist tot
  2. "Lucia di Lammermoor" mit hohen Tönen und niedriger Spannung
  3. "Nicht heilig im herkömmlichen Sinn"
  4. täglich
  5. "Hausaufgaben versauen die Lust"
Meistkommentiert
  1. "Es war ohnehin ein Ausländer"
  2. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  3. Unsoziale Medien
  4. "Hohe komische Kunst"
  5. "Biedermann und die Brandstifter" im Volkstheater

Werbung



Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung