Sommer 2015: Eine humanitäre Flüchtlingskatastrophe spielt sich vor aller Augen ab. Die Theatermacherin Tina Leisch, der Schauspieler Bernhard Dechant sowie andere Künstler gründen den Verein "Die schweigende Mehrheit". Mit einer Mahnwache beginnt der künstlerische Protest, bald fahren die Aktivisten nach Traiskirchen. Im Herbst 2015 sorgt die Aufführung "Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene" für große Theatermomente. Das Folgeprojekt ist nun "Traiskirchen. Das Musical". Im Rahmen der Wiener Festwochen wird es heute (9. Juni) im Volkstheater uraufgeführt.

Die "Wiener Zeitung" traf die Masterminds des Projekts - Tina Leisch und Bernhard Dechant - während der Endproben.

"Wiener Zeitung":Wie kam es zu "Traiskirchen. Das Musical"?

Bernhard Dechant: Am Anfang war das gar nicht so ernst gemeint. Die Szenerie in Traiskirchen - wir haben im Sommer 2015 viel Zeit dort verbracht - wirkte auf uns wie eine Musical-Kulisse: Es war laut, bunt, voll überfliegender Emotionen. Freude, Trauer, Geschrei, Umarmungen - alles ging durcheinander.

Tina Leisch:Wir hatten das Gefühl, einen historischen Moment mitzuerleben: Im Sommer 2015 gingen die Grenzen auf, viele Menschen kamen ins Land, es gab die Begeisterung an den Bahnhöfen, die Willkommens-Kultur und im Lager dann dieses Wechselspiel aus Absurdität und Tragik.

Was meinen Sie damit?

Leisch: In dem ganzen Chaos gab es viele schreckliche, aber auch komische Momente. Beispielsweise haben sich viele religiöse Gruppierungen vor dem Lager aufgebaut und geglaubt, sie könnten diesen Moment der Verzweiflung dazu benützen, um Leute zu missionieren.

Dechant: Es gab auch Versuche von Männern und Frauen, sich an junge Flüchtlinge heranzumachen.

Leisch: Wilde Gerüchte kursierten. Alles war hysterisch und emotional aufgeladen.

Dechant:Beispielsweise wurde einmal auf Facebook gepostet: Kinder sterben im Lager. Großer Aufschrei. Nichts davon war wahr. Dann wurden hundert Wasserkocher an Mütter im Lager verteilt, damit sie Babybrei zubereiten können, ein Wachbeamter nimmt sie ihnen wieder weg. Großer Protest. Schließlich stellt sich heraus, wenn viele Geräte zugleich an das veraltete Stromnetz angeschlossen werden, könnte das ganze System kollabieren. In dieser Ausnahmesituation war man ständig gezwungen, seine Meinung zu überdenken, Vorurteile zu revidieren. Traiskirchen wurde für mich zu einem Kulminationspunkt von Konflikten, an denen die Welt seit langem krankt: Globale Misswirtschaft, das Erstarken einer neuen rechten Bewegung, die Antwort der Linken, der religiöse Fanatismus, überhaupt der politische Missbrauch von Menschen.