Vom Korrepetitor zum Dirigenten aufgestiegen: Alain Altinoglu, derzeit aktiv an der Wiener Staatsoper. - © Staatsoper/Pöhn
Vom Korrepetitor zum Dirigenten aufgestiegen: Alain Altinoglu, derzeit aktiv an der Wiener Staatsoper. - © Staatsoper/Pöhn

Wien. Es war eine Feuerprobe im wahrsten Sinn. Als Alain Altinoglu zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper dirigierte, senkte sich nach 20 Minuten unverhofft der Eiserne Vorhang herab. Altinoglu, mitten im Klangdrama von "Roméo et Juliette", stoppte das Orchester. Ein Mann trat vor das Publikum und sprach ins Mikrofon. Der französische Dirigent verstand erst nichts, dann aber doch so viel: Ein kleines Feuer war auf der Bühne entstanden; bis zur Fortsetzung der Aufführung würden einige Minuten vergehen. Also hieß es warten. Altinoglu durchbrach irgendwann die Stille im Orchestergraben: "Ist das schon einmal passiert?" Ein Musiker trocken: "Ja, vor 130 Jahren. Damals brannte alles."

Natürlich: Mit dem Wiener Ringtheaterbrand war dieser kleine Zwischenfall aus dem Jahr 2011 nicht zu vergleichen. Dennoch fühlte sich Altinoglu etwas unwohl in seiner Haut.

Der Reiz des Unverhofften


Heute sieht er die Staatsoper als sicheren Hafen. Altinoglu, der 41-Jährige mit dem krausen Haar und den leuchtenden Augen, hat hier bereits 38 Vorstellungen absolviert. 2015 ist er in die Klasse der Premierendirigenten aufgestiegen und leitete erst einmal einen neuen "Macbeth". An diesem Sonntag steht er abermals einer Neuproduktion vor, nämlich Claude Debussys "Pelléas et Mélisande". Inszeniert und ausgestattet wird der Abend vom Schweizer Ästheten Marco Arturo Marelli. Mit reichlich Probenzeit gesegnet, kann Altinoglu die Musik im Detail durcharbeiten. Das sei auch notwendig, sagt er. "Die letzte Wiener Produktion der Oper hatte 1988 Premiere und lief bis 1991. Im Orchester sitzen heute höchstens drei, vier Musiker, die damals dabei waren."

Gibt es ein Gütekriterium für einen gelungenen "Pelléas"? Ja, sagt Altinoglu, der sich vom Korrepetitor zum Dirigenten hochgearbeitet hat: "Man muss den Text von Maurice Maeterlinck verstehen können. Debussy hat Jahre damit verbracht, seinen Freunden in den Salons am Klavier vorzusingen, weil ihm diese Verständlichkeit so am Herzen lag." Daran feilt der Dirigent nun mit Sängern wie Adrian Eröd, Simon Keenlyside und Olga Bezsmertna.

Altinoglu, mittlerweile an der New Yorker Met, in Covent Garden oder auch Bayreuth beliebt, ist aber kein Luxustierchen geworden, das auf üppige Probezeiten besteht. Der Mann, der privat Jazzklavier spielt, schätzt auch den Reiz des Unvorhersehbaren. Im Opernbetrieb findet er ihn vor allem an Repertoireabenden - die mitunter völlig ungeprobt stattfinden. In München oder Wien ist das Altinoglu schon passiert. Kein Grund zur Panik, denn erstens: "Das Wiener Orchester ist ein Repertoire-Ensemble, es spielt jedes Jahr die gleichen Stücke." Zweitens spule es diese nicht gleichförmig ab, sondern reagiere wendig auf die Zeichengebung des Dirigenten. "An sich kann man sich das kaum vorstellen, dass ein Orchester auch ohne Probe das spielt, was der Dirigent will. Aber wenn ich hier eine ‚Salome‘ leite, ist das doch ein Unterschied, denke ich."

Eine Tücke dieser Instant-Interpretationen: Nicht jedes Orchester versteht unter einer Geste haargenau dasselbe. Altinoglu: "Das steht zwar so in Lehrbüchern, ist aber komplett falsch. Jedes Orchester reagiert unterschiedlich. Als ich zum ersten Mal die ‚Carmen‘ in New York dirigierte, gab ich meinen Auftakt wie üblich. Das Ensemble ist aber losgerast wie ein Ferrari." Wie geht man es also an, wenn man sein erstes Rendezvous mit einem Klangkörper gleich vor Publikum hat? "Du beginnst wie ein Polizist, der den Verkehr regelt. Wenn das funktioniert, kannst du anfangen, dich um die Klangfarben zu kümmern."

"Werden kämpfen müssen"


Mittlerweile ist der Franzose armenischer Abstammung kaum noch als Theaterdirigent auf Reisen: Seit 2016 steht er dem Brüsseler Opernhaus La Monnaie als Musikchef vor und konzentriert seine Opernaktivitäten darauf. "Wenn du an einer Bühne gastierst, profitierst du von der Arbeit des dortigen Musikchefs - das ist schön. Ich möchte jetzt aber selber etwas aufbauen und habe viel Freude daran." Wobei die Rahmenbedingungen nicht ganz einfach seien: Aufgrund einer Sanierung wurde in den vorigen Jahren ein Zelt bespielt; erst in diesem Herbst kehren die Musiker ins Haus zurück. Außerdem schwebt ein Damoklesschwert über ihnen. Bereits einmal sollte der Klangkörper mit dem Belgischen Nationalorchester verschmolzen werden: eine "Katastrophe" laut Altinoglu, die vorerst gebannt sei. "Aber wir sind nur bis Ende 2019 sicher. Wir werden wieder kämpfen müssen."