• vom 29.06.2017, 16:18 Uhr

Bühne

Update: 29.06.2017, 16:38 Uhr

Theaterkritik

Die Ehre der Egoisten




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Von Christina Böck

  • Eine Frau, die nicht aufgibt: Lessings "Minna von Barnhelm" in Perchtoldsdorf.

Im grünen Morgenmantel umweht von Wind und Liebeswirren: Marie-Christine Friedrich als Minna.

Im grünen Morgenmantel umweht von Wind und Liebeswirren: Marie-Christine Friedrich als Minna.© Lalo Jodlbauer Im grünen Morgenmantel umweht von Wind und Liebeswirren: Marie-Christine Friedrich als Minna.© Lalo Jodlbauer

Für manchen dramatischen Effekt sorgte der Wind am Donnerstag bei "Minna von Barnhelm". Die diesjährige Produktion der Sommerspiele blieb bei ihrer Premiere vom Wolkenbruch verschont, aber der Wind, der wehte gar schwungvoll durch Minnas giftgrünes Negligee. Und unterstrich so die kraftvolle Standhaftigkeit dieser Frau. Denn als wehrhafte Frau wollen Intendant Michael Sturminger und Regisseurin Veronika Glatzner diese Minna von Barnhelm verstanden wissen.

Zugegeben, es gehört schon etwas dazu, sich im 18. Jahrhundert mit aller Wucht dagegen zu wehren, vom Verlobten abserviert zu werden. In Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel ist dieser Verlobte Major Tellheim, ein unehrenhaft entlassener Soldat, am Arm verwundet, in der Börse verarmt. Er verbietet es sich nicht nur, geborgtes Geld anzunehmen, das ihm ein Kamerad in Hülle und Fülle anböte. Er nimmt auch Geld, das er selbst verliehen hat, nicht mehr an, weil ihm seine Moral verbietet, sich an der Witwe eines Kollegen zu bereichern. Also schon eher komplex, der Major.

Information

Theater

Minna von Barnhelm

Sommertheater Perchtoldsdorf

bis 29. Juli

Leere Pose

Das bringt nicht nur seinen Diener Just zur Verzweiflung, sondern auch seine Verlobte Minna. Ihr teilt Tellheim mit, er könne sie nicht mehr heiraten, seine Ehre gebietet ihm, von seiner Liebe Abstand zu nehmen, und der Ring ist ohnehin schon versetzt. Das will Minna nicht hinnehmen. "Die Ehre ist - die Ehre", sagt sie einmal und unterstreicht den sinnlosen Satz mit einer veritabel leeren Pose. Das bringt die Absurdität der Situation so knackig wie eindringlich auf den Punkt.

Marie-Christine Friedrich verleiht dieser Minna eine unbemühte Emanzipiertheit, die mitunter von kindlichen Schwärm-Attacken unterwandert wird. Sie steht an der Spitze eines in Perchtoldsdorf gewohnt souveränen Ensembles. Anna Unterberger spielt Minnas Zofe kess und anstifterisch, Nikolaus Bartons Diener Just schwankt gekonnt zwischen Entmutigung und Pülchertum. Dominik Warta ist als Wirt so schmierig anschmeißerisch wie seine in Pomade gelegten Haare. Roman Blumenschein arbeitet die grotesken Überlegungen von Paul Werner, der seinem Kameraden Tellheim Geld borgen will, damit der ihm in Zukunft auch finanziell zur Seite springt, gut heraus.

Ausgelassene Erleichterung

Der ganze Egoismus der Ehrenthematik kommt auch bei Andreas Pattons Tellheim zum Vorschein: Im ersten Teil recht blass, blüht er im zweiten Teil zum ausgelassen Erleichterten auf, weil sein Unglück durch ein anderes übertroffen wird.

Eine schräge Minnelied-Truppe unter der Leitung von Michael Pogo Kreiner spielt auf Zigarrenkisten-Gitarren elegant verfremdete Weisen dazu, die Kostüme sind aparte Modehistorie-Variationen oder - in Minnas Fall - kunstvolle Blumendraperie. Die Drehbühne ist ein ausgefuchstes Mini-Stiegen-Gang-Konstrukt, in dem es sich formidabel lauschen, verstecken und verzweifeln lässt. Und mit wehendem Negligee am Gipfel stehen - im Hintergrund die Burg-Kulisse. Obwohl alle diese Erfolgsfaktoren der immer sympathischen Produktionen von Perchtoldsdorf vorhanden sind, springt der Funke nicht restlos über. Aber wie heißt es im Lied von Georg Friedrich Telemann, das hier angestimmt wird: "Das Glücke kommt selten per Posta, zu Pferde, es geht zu Fuße, Schritt für Schritt."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-29 16:24:06
Letzte Änderung am 2017-06-29 16:38:14


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