Dichtes Beziehungsgeflecht mit üppigen Lichteffekten: "Rigoletto" im Römersteinbruch. - © Armin Bardel
Dichtes Beziehungsgeflecht mit üppigen Lichteffekten: "Rigoletto" im Römersteinbruch. - © Armin Bardel

Das Gewitter kam früher als erwartet. Nicht wie geplant im letzten Akt von Verdis "Rigoletto", mit den so wegweisend schaurig in die Musik verwobenen Klangmalereien. Blitz, Donner und Regen enterten just in dem Moment die Open-Air-Bühne im Steinbruch St. Margarethen, als das Liebespaar Herzog-Gilda innig duettierte. Für Teile des Publikums ein Grund, mit ihren Plastikponchos lautstark abzurauschen. Schade. Sie versäumten Momente, von denen die Akteure wohl noch ihren Enkelkindern erzählen werden: "Damals, als wir klatschnass gegen Wind und Wetter ansingen mussten in dieser waghalsigen Inszenierung von Philippe Arlaud . . ."

Es gab mitfühlenden Szenenapplaus für die wackeren Darsteller, die (im Falle der Gilda von Elena Sancho Pereg) auch mit einem losen Kopfmikrofon zu kämpfen hatten. Das war’s aber auch schon mit den Unwägbarkeiten. Der Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner Arlaud hat eine bis ins Detail durchdachte und höchst wirkungsvolle Inszenierung in den Steinbruch gewuchtet. Die psychologischen Untiefen der Figuren zeichnet der Franzose in stimmigen Bildern. Das Konzept nimmt Bezug auf den Aufführungsort: Ein über der Bühne schwebender Felsblock symbolisiert den Fluch, der auf dem Hofnarren Rigoletto lastet. Der Herzog, in Arlauds Version ein Jungdiktator mit perversem Hofstaat, residiert in einer glatten Felsenburg. Die unschuldige Gilda wird von ihrem Vater in einer rauen Felsenhöhle vor dem (macht-)geilen Herzog versteckt.

Übergroßes Kino

Das Beziehungsgeflecht der Charaktere hat Arlaud konsequent weitergedacht. Dabei spielen die Farben der Kostüme eine Rolle: Wenn Rigoletto seine Tochter zwingt, das Hochzeitskleid der verstorbenen Mutter zu tragen, wird der weiße Stoff zur Projektionsfläche einer krankhaften Vater-Tochter-Beziehung. Konsequenterweise ist auch der Sack, in dem die tödlich verletzte Gilda ihrem Vater übergeben wird, weiß. Die Farbe des Herzogs ist rot: Als Gilda erstmals von ihrer Liebe zu dem Unbekannten singt, sprießen im Hintergrund rote Blumen. Gildas Schicksal ist hier auch eine Emanzipationsgeschichte, ihr selbstgewählter Opfertod letzter Ausweg aus einem Gefühlsgefängnis. Und wenn der schwarz gekleidete Rigoletto seine rote Narren-Halskrause abstreift, dann wirkt das, als wäre er von einer tonnenschweren Last befreit.

So deutlich die Motivation jeder Figur (und auch die Bewegungsmuster des Philharmonia Chores Wien) in kleinen Details gezeichnet sind, so überbordend ist das Licht-Design. Arlaud überzieht die Wände des Steinbruchs nicht nur mit schwer lesbaren Übertiteln, sondern auch mit Flammen, Sternenhimmeln und fallenden Felsen. Das ist großes Kino, übersteigt aber oft die Aufnahmefähigkeit.

Die Stimmcharaktere der Premierenbesetzung schienen nach Arlauds Konzept gewählt. Elena Sancho Pereg meisterte die Anforderungen der Gilda-Partie mit mädchenhafter und gleichzeitig durchschlagskräftiger Stimme. Größere klangliche Schwere und Tiefe im dramatischen Bereich wären hier denkbar, aber dann hätte man die Rolle anders besetzen müssen. Ebenso flexibel und jugendlich sang Yosep Kang den Herzog, seine Unbeschwertheit schlug sich aber in einförmiger Stimmführung nieder (zumal die Mikrofone auch feiner intonierte Töne ins Publikum getragen hätten). Perfekt ausdifferenziert tönte Vladislav Sulimsky als Rigoletto. Bei seinen Auftritten herrschte Gänsehaut-Alarm. Er zeichnete einen Getriebenen und übersetzte die moralischen Untiefen der Figur in detailreich phrasierten Gesang. Überzeugend bedrohlich wirkten Sorin Coliban (Sparafucile) und Clemens Unterreiner (Graf von Monterone). Annely Peebo überzeugte als Gildas doppelzüngige Anstandsdame und als linkisch-lüsterne Maddalena. Dirigentin Anja Bihlmaier peitschte das wackere Symphonieorchester des Slowakischen Rundfunks zur Zeichnung psychologischer Extremzustände voran. Für die Sängerinnen und Sänger schneiderte sie voraushörend maßgefertigte Klangkleider.