Wer sich vor dem Gang zum Impulstanz im Leopold Museum auf die Konzepte und Relikte aus 40 Jahren dargestellter Kunst einlässt, weiß sich von Jan Fabre live enttäuscht. Die knapp vier Stunden lange, pausenlose Nummernrevue "Belgian Rules/Belgium Rules" zwingt den Zuschauer in eine mit Folklore gespickte, nationale Nabelschau. Der belgische Bilderfinder-Körperfühler, bald 60 Jahre alt, zeigt in seiner Uraufführung Biertrinker und Frietenfutterer mit burgundischer und habsburgisch-katholischer Vergangenheit im ethnischen Schaukelspiel von Flamen und Wallonen und wenigen Deutschen. Fördert die EU das Projekt zur Werbung für multikulturelles Zusammenleben? Finanzieren die Kulturminister Flanderns und der Wallonie die Wahrung immateriellen kulturellen Welterbes?

Zitate aus der Schilderkunst

Jan Fabre griff tief in die Museumslade. Aus der Renaissance grüßen Tritonshorn, Sextant und Messingfernrohr. Bürgergruppen ("Gesellen van den spele") entfalteten im 16. Jahrhundert zu Antwerpen, Gent, Brügge, Brüssel das Theater in reich kostümierten Straßenaufzügen und moralisierenden "Lebenden Bildern". Davon blieben Festtagsbräuche, vornehmlich im Fasching. Fabre führt sie telquel vor wie exotische Einlagen in den Folies Bergère. Sie stammen aus Aalst, Binche, Malmedy, Stavelot. Das Programmheft lenkt die Augen auch auf Anleihen aus der belgischen Schilderkunst: zur "dullen Griet" und dem Reifentreiben der Kinder beim älteren Brueghel, zu paradoxen Paarungen (Musch auf Rosenbusch) bei Hieronymus Bosch, zu James Ensors und Paul Delvaux’ Maskenzügen mit Skeletten und Totenköpfen, zum Regenschirm und der Taube von Magritte. Das Bürgerpaar in Van Eycks "Arnolfini-Hochzeit" (1434) redet über schmucken Eigenheimbau.

In Fabres postmodernem Zitierschwall fällt die Paraphrase auf die vierte Station der Passion auf, wo Jesus seiner Mutter begegnet. Viermal Maria, blau und rot gewandet, viermal ein Mann mit nacktem Oberkörper und schmerzverzerrtem Gesicht, statt des Kreuzes eine Bierkiste auf der Schulter. Die Marien herzen ihren Sohn, tupfen ihm den Schweiß von der Stirn, gehen ab und kehren wieder mit je einer Bierkiste. Jede verdoppelt ihres Sohnes Traglast. Nachbilder einer katastrophalen Mutterbindung?

Sündenkatalog

"Alles, was nicht sauber ist, wird unter den Tisch gekehrt": Dieser Selbstbezichtigung folgt ein langer Sündenkatalog, voran der eigene Reichtum in einer armen Welt, die kolonialistische Vergangenheit und die heutige Waffenproduktivität - Nackte Damen wie in Rubens’ "Pelzchen" tragen MPs - in einem "kranken Königreich". Doch Belgien, der katholische Rest der einst spanischen Niederlande, spendet sich selbst die Absolution in einem Schlussbild wie vom Surrealisten Delvaux gemalt: Das Ensemble schreitet in reinweißen Hochzeitskleidern der Zukunft entgegen. Ohne Ironie die allerletzte Regel: "It’s possible to be belgium."

Freigehege paradoxer Witze

Dreimal stimmt ein Chor ein Regelwerk an, ironisch-sarkastisch, zuletzt humanistisch geläutert. Regel für Regel wird in schweißtreibendem Lauf im Stand hinausgeschrien. Ein Freigehege paradoxer Witze des Textdichters Johan de Boose! "Es ist verboten, seine Kuh Fabiola zu nennen." "Es ist verboten, mehr als einen Dildo im Haus zu haben." Dass man eine Pfeife nicht Pfeife nennen darf, postulierte schon Magritte. Wird das Absingen von "Dominique-nique-nique" untersagt, ist auch erinnert, dass die singende Ordensschwester Sourire Belgierin war. Für die Körperschinderei kassiert das Ensemble Beifall. Oder wollen die klatschenden Hände nur sagen: Hört auf zu wiederholen, wir wissen jetzt, wie’s geht.

Boose wurde bekannt als Jünger des galizischen Theateravantgardisten Tadeusz Kantor. Hier lässt er im Igelkostüm Manifeste aufsagen über ein Theater der Mitte (nix gut!), der Grausamkeit, der Bilder, der Liebe. Wortreiche Schwadroniererei, Theaterkultkitsch, mit positiven und negativen Superlativen als banale Dialektik.

Starke Minuten dazwischen ohne Worte: Ein Jazz-Sax macht eine Puppe ekstatisch tanzen, sie hat Bierflaschen um die Hüften wie Josephine Baker Bananen. Der Belgier Jacques Brel mit "Le plat pays". Dann wieder Booses Minimalpoesie: "Der Regen ist schwer, das Leben ist leer, der Nachmittag ist tot." Nach vielen Durchhängern (und Blicken auf die Uhr) eine Glanznummer des Ensembles als Fahnenschwinger. Schwarz-gold-rot für Belgien, flämisch der Löwe, wallonisch der Gockelhahn. Flaggen knattern versöhnt ihren, naturgemäß identitären, Gruß.