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Update: 09.08.2017, 14:06 Uhr

Bayreuther Festspiele

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Von Joachim Lange

  • Mit Wiederaufnahmen von "Siegfried" und "Götterdämmerung" ist Frank Castorfs "Ring" für sein letztes Jahr in Bayreuth vollständig.

Catherine Foster triumphierte als Brünnhilde.

Catherine Foster triumphierte als Brünnhilde.© Enrico Nawrath Catherine Foster triumphierte als Brünnhilde.© Enrico Nawrath

Die "Götterdämmerung" ist ohnedies schon die längste aller Wagneropern. Obendrein war die übliche Hitze auf den Grünen Hügel zurückgekehrt. Dennoch wurde auch der allfällige Epilog zur letzten der vier Wiederaufnahmepremieren, die dieser "Ring" jetzt hinter sich hat, mit Spannung erwartet. Da kamen nämlich Frank Castorf und sein Team vor den Vorhang. Einer von denen - Dramaturg Patric Seibert - war schon mit den Darstellern vor dem Vorhang, denn er spielte als allgegenwärtiger Running Gag in allen Teilen seinen Part als stummes aber höchst bewegliches Ringfaktotum.

Dass das lautstarke Kontra bei Castorfs Erscheinen ganz verstummen würde, war nicht zu erwarten. Doch die Zustimmung war deutlich entschiedener als nach dem ersten Premierenzyklus 2013. (Die historischen Trillerpfeifen blieben in der Kiste mit dem Schildchen "Früher war alles besser".)


Im laufenden Festspieljahrgang, der bisher ohne Backstage-Skandälchen oder künstlerische Ausfälle und Fehlgriffe auskam, gab es auch für die Krokodile auf dem Alexanderplatz am Ende von "Siegfried" keine Buhs. Obwohl deren Anzahl heuer auf die von allen erwarteten fünf Nachwuchsexemplare zu den zwei Elterntieren angewachsen waren.

Brünnhilde zieht alle mit
Catherine Foster und Stefan Vinke waren stimmlich und darstellerisch so sensationell auf der Höhe als Brünnhilde und Siegfried, dass die possierlichen, Sonnenschirme und Waldvögel verschlingenden Viecher den beiden die Show nicht stehlen konnten! Es ist nämlich nicht nur der Ring von Frank Castorfs und seines kongenialen Bühnenbildners Alexander Denic, der im "Siegfried" mit dem Roten Mount Rushmore und dem dahinter liegenden Alexanderplatz und in der "Götterdämmerung" mit dem Berliner Hinterhof, dem "Plaste und Elaste aus Schkopau" und der New Yorker Stock Exchange dialektische Coups gelandet hat. Es ist auch der Ring von Catherine Foster geworden! Sie ist Jahr für Jahr mit ihm gewachsen und jetzt die beste live zu erlebende Brünnhilde weit und breit. Frei und sicher. Mit Kondition und Pianokultur. Wortverständlich und auch noch im dramatischsten Ausbruch wohlklingend. Sie zieht alle mit.

Die ganze Ringbesetzung (und nicht nur die) ist in diesem Jahr ein überzeugendes Argument gegen die angebliche Krise des Wagnergesangs. Auf dem Grünen Hügel ist in dieser Hinsicht eine hübsche Konjunktur.

Die Werkstatt floriert
Und offensichtlich floriert auch die gute alte Werkstatt Bayreuth. Die beiden letzten Teile wirken frisch und mit Spannung aufgeladen. Sicher, da hat kein Stuhl die Chance, nicht auch mal durch die Luft zu fliegen, und keine von den flotten Rheintöchtern, nicht von Siegfried handfest angegrapscht zu werden. Aber als zupackendes Musiktheater entfaltet diese Welt eine ganz eigene Faszination. Musikalisch sowieso, weil auch Marek Janowski mit dem Orchester im verdeckten Graben in Hochform durchs Ziel geht.

Ob der Castorf-Ring nun so - wie 1976 der von Patrice Chéreau - ein Jahrhundert-Ring ist, wird sich noch zeigen. Spätestens ab dem Nachfolger 2020 - von wem auch immer - dürfte die Verklärung Fahrt aufnehmen. Ein "Ring" über den Verlust der großen Utopien der Moderne ist es allemal. Als lebendiges Theater mit großen Bildern, der vom energischen Zugriff eines Theatermanns profitiert und sich über die Jahre erfreulich entwickelt hat.

Oper

Siegfried, Götterdämmerung

Frank Castorf (Regie)

Marekt Janowski (Dirigent)

Mit Catherine Foster, Stefan Vinke, Thomas J. Mayer, Markus Eiche, Allison Okes

Bayreuther Festspiele




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-04 16:00:06
Letzte Änderung am 2017-08-09 14:06:05


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