Wien. Das Hauszeichen über dem Tor eines Wiener Bürgerpalais: ein Engel mit einer Posaune. Die Alts leben hier, eine Klavierbauerdynastie. Ernst Lothar begleitet sie im Roman "Der Engel mit der Posaune" fünfzig Jahre lang, von Mayerling 1889 bis zu Hitler 1938. Ruinös, zernepft ist dieses Haus Österreich in der Josefstadt aufgebaut. Graue Mauern, leere Treppen um den Spielboden herum, zugleich Innen- wie Außenraum. Optimisten erkennen im Bühnenbild von Karin Fritz die Baustelle für ein neues Österreich. Das war auch die Intention des katholischen Juden, der mit seiner Frau, der Schauspielerin Adrienne Gessner, nach der Zerstörung des Ständestaats in die USA geflüchtete war. In seiner Idee von Österreich als multiethnischer, europäisch-prototypischer "Kulturnation" folgte Lothar (1890 – 1974) Hugo von Hofmannsthal und Leopold von Andrian. Ihr Vorzeigeprojekt: die Salzburger Festspiele.

Mit rotweißrotem Herzblut geschrieben, Schattenseiten der Landsleute weggeblendet, erschien das Buch englisch 1944 und nach Lothars Heimkehr nach Wien, als Kulturoffizier in Uniform, 1947 deutsch. 1948 folgte die Verfilmung mit Paula Wessely als Henriette Alt. Der blonde braunbefleckte UFA-Star stirbt nun als Halbjüdin unterm Naziterror. Nicht die einzige schlampige Entnazifizierung unter US-Patronage. Eine Romanzeile Ernst Lothars setzte sich im österreichischen Opfer-Narrativ fest: "Leute aus Süddeutschland seien es gewesen, die den Pfad des Triumphators in Wien gesäumt hätten . . ." Dazu ihr Marschbefehl aus Berlin vom 11. März 1938 im Wortlaut.

Und nun mit Susanne F. Wolfs Romandramatisierung Ernst Lothars späte zweite Heimkehr. Es war Max Reinhardt, der 1935 den Schriftsteller und Theaterkritiker der "Neuen Freien Presse" 1935 als Direktor seiner Josefstädter Bühne einsetzte. Fünf Tage vor dem deutschen Einmarsch lud Lothar zur "Österreichischen Matinee", einen die Nazis provozierenden Staatsakt mit Bundeskanzler Schuschnigg an der Spitze.

Der Heimattreue im Exil wollte den Amerikanern Umstände und Ursachen katastrophaler Umwälzungen, mit dem Untergang Habsburgs und zwei Weltkriegen als Tiefpunkten, in dieser Familiensaga aufzeigen. Neben Musil, Broch und Hofmannsthals "Unbestechlichem" verblasst sie als Polterfahrt über historische Schwellen. Die erste ist wohl die peinlichste: Hätte Henriette den Kronprinzen ins Bett gelassen, hätte das Reich an Rudolfs Reformideen genesen können. Ständestaatlich gönnerhaft die Freundlichkeiten von Henriette und Hans Alt gegenüber der Arbeiterbewegung. Nur mehr ein hohler Pappkamerad ist Hans’ Bruder Hermann (Matthias Franz Stein), wenn er sich vor dem Standgericht als Dollfuß-Mörder und Mörder seiner jüdischen Schwägerin berühmt. Nicht viel mehr als Bonmots, was alles den österreichischen Menschen ausmacht, vom Respekt bis zur Schlamperei.

Dennoch weithin gutes Theater. Regisseur Janusz Kica löst die Handlung in Kurzsequenzen logistisch virtuos auf, wie in improvisierten Filmsets. Schon das Eröffnungsbild eine Wucht: Alle Alts scheinen wie Atlanten ihr Haus hochzustemmen. Maria Köstlinger (Henriette) wirbelt Xaver Hutter (Traun) durch einen imaginären Ballsaal, Alma Hasun (Selma) jagt Alexander Absenger (Hans) durch die Universität. Marianne Nentwich drängt als bigotte Matrone zur Komik, Silvia Meisterle (Martha Monica) ist die Anmut selbst. Sein herrlich vitales Naturell bewahrt Michael Dangl (Franz) im wahnwitzigen Bedrängnis-Slalom vor Stürzen. André Pohl (Otto Eberhard) lockert erst spät die staatsanwaltliche Leichenbittermiene. Michael Schönborn (Schulprofessor) und Gerhard Kasal (Journalist als Erpresser) haben Ungustl-Rollen gezogen. Johannes Seilerns Noblesse als Diener dünkt unübertreffbar.

Der Jubel nach der Premiere darf als antifaschistisches Bekenntnis und Verneigung vor den kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen jüdischer Österreicher verstanden werden. Hans Alt, Henriettes weltverletztes Kind, zählt sie als Sprecher eines "Österreichischen Freiheits-Senders" auf, in einem Schlussmonolog unter einer schwachen Glühbirne. Ein würdiges, doch kein bühnenwirksames Memento.