Wien. Ein kurzer Blick auf die Besetzungsliste zeigt: Die Volksoper beginnt ihre Saison mit einer ziemlich sicheren Bank. Ab kommenden Sonntag wird Maria Happel ihr Burgtheater-Charisma auf der Bühne ausschütten, Regisseur Werner Sobotka arbeitet ihr als Komödienspezialist zu. Zwar besitzt das Stück selbst hierzulande keinen klingenden Namen. Nichtsdestotrotz ist "Gypsy", 1959 von Jule Styne komponiert, ein Tummelplatz tragikomischer Situationen: Im Amerika des Vaudeville-Theaters will die Superglucke Rose ihre Töchter auf jenes Künstlerkarrieregleis zwingen, das sie selbst nie erreicht hat. Ein Gespräch mit Maria Happel über mütterlichen Ehrgeiz, verworfenen Musikkarrierepläne und die Lust am Theaterspielen.

"Wiener Zeitung": Wie ist es Direktor Robert Meyer gelungen, Sie für eine ziemlich zwiespältige Musicalrolle zu gewinnen?

Maria Happel: Meyer und ich haben eine gemeinsame Vergangenheit. Wir haben viel zusammen gespielt, als er noch Kollege am Burgtheater war. Er war es auch, der mich vor fast 25 Jahren nach Reichenau geholt hat, als er bei den Festspielen inszenierte. Und unter seiner Direktion habe ich an der Volksoper in der "Csárdásfürstin" gespielt und war dann auch mit auf Japan-Tournee - eine Erfahrung, die man im Sprechtheater nicht macht. Vor knapp zwei Jahren rief er mich an und sagte, dass er in London gerade "Gypsy" gesehen hat und eine Rolle für mich hat. Ich hab mich schnell überreden lassen.

"Gypsy" ist unter anderem mit Bette Midler verfilmt worden. Haben Sie sich das angesehen?

Nein, so etwas mache ich nie. Meyer hat ja mich gefragt, weil er "die Happel" für die Rolle will, nicht eine Kopie von jemand anderem. Ich finde überhaupt, dass das beim Musical oft ein Problem ist: Von jedem Stück gibt es eine ultimative Form, es muss in allen Ländern gleich aussehen.

Die Freiheit ist auf der Musicalbühne auch aus anderen Gründen beschränkt: Die Abstimmung mit Orchester, Chor und Tänzern engt den eigenen Spielraum ein.

Absolut. Es gibt gewisse "Treffpunkte", die man genau einhalten muss. Und, auch meine Vorbereitung auf eine Musicalrolle sieht anders aus. Ich bin es vom Theater gewohnt, dass ich mich einer Rolle über eine Improvisation nähern kann. Das geht hier nicht. Es ist ein wenig so, wie wenn man ein Klavierstück lernt. Erst müssen der Fingersatz, die Technik stimmen, danach kann man auch das Gefühl ins Spiel bringen.

Wie stehen Sie zur Figur der Rose - einer Mutter, die ihre Kinder massiv unter Karrieredruck setzt?

Die Motivation, das Beste für die eigenen Kinder zu wollen, ist verständlich, und dies sehe ich auch bei Rose. Sie entwickelt jedoch den Fanatismus, ihre Kinder in Stars zu verwandeln, und mutiert dadurch zu einem Monster. Dafür muss sie die Rechnung bezahlen - eigentlich verliert sie am Ende beide Kinder. Aber ich habe natürlich auch ein gewisses Verständnis für Rose. Sie selbst hatte, wie man erfährt, in ihrer Jugend kaum künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten, sie saß als Alleinerzieherin in einem Kaff fest, ist schon mit 18 Jahren dreimal verlassen worden - sogar von ihrer Mutter. Für mich ist das auch eine Rolle über eine ungeheure Sehnsucht: Raus aus dem Alltag, rauf auf die Bühne, um dort beachtet und geliebt zu werden.

Sie selbst haben zwei Töchter mit Schauspiel-Ambitionen, wie man liest. Wie verhalten Sie sich in dieser Frage als Mutter?

Ich bin im Moment sehr sensibilisiert für das Thema der Rose, ich achte genau auf mich und meine Töchter. Manchmal denke ich, zwischen Rose und mir liegen Lichtjahre. Manchmal erschrecke ich aber auch, wenn ich mich ihr plötzlich nah fühle. Was aber klar ist: Meine Kinder müssen ihre Zukunft selbst entscheiden und ihren eigenen Weg gehen.

Sie selbst sind ja eine ausgebildete Mezzosopranistin . . .

... das liest man überall, aber es stimmt nicht. Was richtig ist: Ich habe immer gern gesungen, ich bin schon mit 16 nach Berlin gereist und habe bei einem Gesangswettbewerb mitgemacht. In meinem Dorf hat jeder gesagt: "Du singst so schön", also habe ich mich gleich bei den Fortgeschrittenen angemeldet. Ich habe dann mit einem ausgeborgten Cowboyhut etwas aus "Annie Get Your Gun" gesungen und mit einer Plastikpistole auf die Jury gezielt, in der Dagmar Koller saß.

Und?

Ich wurde natürlich abgeschmettert. Danach habe ich mich an einer Musicalschule beworben und wurde aufgenommen. Meine Interessen haben sich aber schnell in eine andere Richtung gedreht, und ich habe begonnen, Theaterstücke zu lesen. Das hat mich auch mehr fasziniert, als eine Katze zu spielen oder einen Eisenbahnwagon (lacht), also in "Cats" oder "Starlight Express" mitzumachen. Relativ bald ist dann auch die Rolle als Edith Piaf gekommen.

. . . mit der Ihnen der Durchbruch auf der Theaterbühne gelang. Heute sind Sie ein Publikumsliebling an der Burg, tragen den Titel Kammerschauspielerin, arbeiten als Regisseurin, sind durch TV-Serien wie "Soko Donau" auch im Fernsehen bekannt. Stimmt es, dass Sie selbst gern ein Theater führen würden? Hatten Sie sich für die Leitung des Burgtheaters ab 2019 beworben, wofür dann Martin Kuej den Zuschlag erhielt?

Nein, die Burg ist ein Riesenschiff. Um mich dafür zu bewerben, spiele ich viel zu gerne selbst Theater.