Shakespeare ist verliebt: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. - © Jan Frankl
Shakespeare ist verliebt: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. - © Jan Frankl

Was Anno 1600 vielleicht als "Comedie von Romeo und Ethel der Piratentochter und einem Hund, indes durch der Bürgerstochter Viola Lieb zum Theater und Herren William Shakespeare in die Tragedie von Romeo und Juliet verwandelt" affichiert worden wäre, ließ sich John Madden für seinen Film "Shakespeare in Love" einfallen. 1999 gewann er damit sieben Oscars.

In den Kammerspielen wird die mit realem Stoff aus der elisabethanischen Bühnenpraxis gefütterte Lügengeschichte - sie trägt Tom Stoppards Handschrift - in Filmlänge ohne Pause nacherzählt. Für ein dreistöckiges Public Playhouse wie das Globe Theatre fehlt der Raum. Im Remake tragen schlichte Stahlrohre die Doppelstockbühne Ines Nadlers. Ein grober Kontrast zur Pracht von Frank Lichtenbergs Kostümen aus der Wendezeit von Renaissance zu Barock, aus der auch die Musikanten schöpfen.

Zwei Theaterunternehmer rittern um neue Stücke vom jungen Shakespeare. Höchste Ehre brächte ein Spiel vor Königin Elizabeth. Doch deren Neigung gilt Hunden auf der Bühne (Überraschung!). Shakespeare verkaufte einen Plot mit Piratenkönig, Schiffbruch und Hund doppelt, hat jedoch noch keine Zeile gedichtet. Christopher Marlowe (Oliver Rosskopf) flüstert dem Freund den Anfang ein. So spannt sich ein Bogen zur letzten Szene. Der Geist des ermordeten Marlowe diktiert den Vorwurf von "Was ihr wollt". Die Überlebende eines Schiffbruchs, die in Männerkleidern verleugnet, wen sie liebt, nennt er Viola.

Immergrüne Theaterseligkeit


Viola heißt ein bühnentolles Mädchen aus reichem Haus. In Hosen und mit Klebebart will sie Komödie spielen. Nach kuriosen Wirrnissen erkennt Shakespeare sie als Frau - und das im Wortsinn des Alten Testaments. Unter Amors Druck mutiert die Piratenkomödie zur Tragödie der zwei unglücklich Liebenden. Denn der Dichter-Schauspieler hat Frau und Kinder, und Viola ist einem Herrn mit Titel ohne Mittel versprochen. Liebesgetändel auf Violas Balkon. Will haucht in der Gruft sein Leben als Romeo aus, Viola als seine Julia. Die Königin befindet: Heute wurde wahre Liebe vorgestellt!

Unvergessen Judi Dench als Elizabeth im Film. Ulli Maier entfaltet Prunkroben wie ein Schmetterling die Flügel und wie die Dame Dench souveränen Humor. Ihre Hofjubler machen sich stocksteif lächerlich. Gläubiger, beamtete Quälgeister und Bettler um Rollen verfolgen den Impresario Hendslowe. Siegfried Walther entzückt mit faustdicker Komik hinter einer Wehleidigkeitsmaske. Besser als die bewamste degenfechtende Herrenriege an der Front sichern Randfiguren das Kolorit des als sittenlos verschrienen Kasperlgewerbes: Marius Zernatto als hellwacher Prolobub John Webster, Playwright der nächsten Generation, sowie die galant-schäbigen Liebesdienerinnen Susanna Wiegand und Olivia Pflegerl.

Swintha Gersthofer spielt Julias Mädchencharme step by step deutlicher aus. Vorgezeigte Selbstbefreiung der Frau durch Kunst? Stark ihre Amme Therese Lohner. Dominic Oley bleibt in der Gruft die Verwandlung des sorgengeplagten Stückeschreibers in einen jugendlichen Bühnenhelden schuldig. Das Nervenkostüm des Dichters passt, doch zum Romeo fehlt ihm mehr als eine feste Stimme. Claudius von Stolzmann als herrischer Star der Schauspielertruppe und Nikolaus Barton als Standesherr donnern kräftig genug für jedes Freilufttheater.

Fabian Alder wirbelt als Regisseur flache und erhabene Figuren flott durcheinander. Das Publikum orientiert sich nicht rasch in diesem Theater auf dem Theater, noch dazu auf zwei Ebenen. Zuletzt goutiert es viel Klamotte - durchwachsen von Pflichtpoesie und immergrüner Theaterseligkeit.

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Shakespeare in Love

Nach Marc Norman & Tom Stoppard von Lee Hall

Kammerspiele