• vom 11.09.2017, 16:55 Uhr

Bühne

Update: 11.09.2017, 17:11 Uhr

Musicalkritik

Eine schwierige Kiste




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Von Christoph Irrgeher

  • Existenzdrama trifft Blödelei: "Gypsy" an der Volksoper Wien.

Übermutter mit einigen starken Momenten: Maria Happel (r.). - © Volksoper/Pálffy

Übermutter mit einigen starken Momenten: Maria Happel (r.). © Volksoper/Pálffy

Es ist schwer einzusehen, warum der "Shrimps-Cocktail" seinen Namen trägt. Untersucht man das kunterbunte Gemisch mit einem Löffel, tritt vor allem Soße zutage. Und Ananas. Und Erbsen. Nur Shrimps, die sind ein rarer Gast.

Ähnlich verhält es sich mit den Highlights der ersten Volksopernpremiere der Saison. "Gypsy" heißt dieses Musical und hat mit Burgtheater-Star Maria Happel ein Trumpfass auf der Besetzungsliste. Nur spielt Happel in erster Linie routiniert Happel. Und Regisseur Werner Sobotka hält das Ensemble auf Trab, benützt dieses aber gern als Vollzugsorgan für allerlei Schenkelklopfer und gewährleistet dabei nicht immer, dass Musical-Teilleistungsschwächen (im Tanzen, Singen, Schauspielern, aber auch Strippen) verborgen blieben.

Information

Gypsy
Musical

Volksoper, Wh.: 12., 14., 17. Sept.

Was will "Gypsy"? Das Stück ist seit jeher als Starvehikel gedacht (1959 für Ethel Merman), verlangt seinem Aufputz aber einiges ab. Einerseits liebäugelt es mit Broadway-Konfektion, erzählt im Stop-and-Go von Sprechszenen (Arthur Laurents) und Swing-Songs (Jule Styne) ein nostalgisch-heiteres Histörchen: Die Eislaufmama Rose schleift ihre beiden töchterlichen Stars in spe durch die Provinzbühnen im Amerika der Vaudeville-Zeit. Andererseits will "Gypsy" Existenztragödie sein: Tochter Nummer eins desertiert, Tochter zwei macht sich später ebenfalls frei - nicht nur vom Joch der Mutterträume. Sie steigt als Starstripperin Gypsy Rose Lee in die High Society auf. Hut ab: Es zählt zu den großen Momenten dieser Premiere, wenn Rose ihre eigene Entbehrlichkeit dämmert und wie sie dies mit manischer Betriebsamkeit überspielt. Maria Happel katapultiert sich auf die Höhe ihrer Kunst.

Ein Christbaum strippt

Der Rest ist leider weitgehend ein Marsch im Routinetal. Zwar singt Happel leidlich und mit exaktem Timing, sucht in ihren Sprechtexten aber auch eher nach der schönen (Sprach-)Melodie als nach Glaubwürdigkeit. Und Toni Slama nützt die Rolle des Agenten Herbie vor allem dazu, sein rauchiges, energisches Timbre auszuschütten. Schön zwar: Die Drehbühne (Stephan Prattes) mit den vielen Transportkisten wirkt so rastlos wie die reisenden Künstler, die Showeinlagen erinnern an die hübsche Bette-Midler-Verfilmung, und die Kinderdarsteller besitzen ebenso Talent wie ihre erwachsenen Pendants Marianne Curn und Lisa Habermann. Und ja, Lorenz C. Aichner erweist sich abermals als tüchtiger Swing-Kapellmeister.

Weil Sobotka Pointen aber zum Bruhaha vergröbert und Charaktere zu Holzschnitten, zerfällt der Abend. Die tragischen Momente geraten zum Fremdkörper in einer Pointensauce, die nach der Pause über die Peinlichkeitsgrenze schwappt (tatsächlich: ein strippender Christbaum!). Dennoch: Applaus vom blendend gelaunten Premierenpublikum.





Schlagwörter

Musicalkritik, Volksoper

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-11 17:00:06
Letzte Änderung am 2017-09-11 17:11:30


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