• vom 18.09.2017, 16:30 Uhr

Bühne

Update: 18.09.2017, 16:40 Uhr

Theaterkritik

Freiheit, Gleichheit, Eintönigkeit




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Von Martin Pesl

  • Regisseurin Alia Luque eröffnet mit "Dantons Tod" die Spielzeit im Landestheater Niederösterreich.

Danton im Blaumantel: (v.l.n.r.) Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont, Tobias Artner. - © Alexei Pelekanos

Danton im Blaumantel: (v.l.n.r.) Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont, Tobias Artner. © Alexei Pelekanos

Die Regisseurin Alia Luque, 1978 in Barcelona geboren, kam mit einigen Vorschusslorbeeren nach Österreich. Eine ihrer Düsseldorfer Inszenierungen war 2015 zum Nachwuchsfestival "Radikal jung" in München eingeladen worden. Seither inszeniert sie am Burgtheater, in Graz und seit der vergangenen Spielzeit auch in St. Pölten. Nach Grillparzers "Goldenem Vlies" hat sie sich zur Eröffnung der Spielzeit am Landestheater Niederösterreich das Politdrama "Dantons Tod" von Georg Büchner vorgenommen. Mit ihrem Prinzip der Entschlackung großer Stoffe kommt sie bei dem sperrigen Thesenstück des Vormärzdichters leider nicht sehr weit.

Abermals füllt Luque die recht kleine St. Pöltener Bühne mit einem kompakten Ensemble, das nur fünf Schauspieler umfasst: Anfangs gibt Silja Bächli den nach dem Sturz der französischen Königsfamilie 1789 bequem gewordenen Revolutionsführer Georges Danton, Bettina Kerl ihren Widersacher Robespierre, der Danton guillotinieren möchte. St. Just (Michael Scherff) ist auf Robespierres Seite, Camille (Cathrine Dumont) und Lacroix (Tobias Artner) gelten als Dantonisten.

Information

Theater
Dantons Tod
Landestheater NÖ

Im Laufe des Stückes werden sie über Vor- und Nachteil einer Opferung Dantons für die Zwecke der Revolution diskutieren. Luque hat dafür ein klares Setting gewählt: Die fünf Schauspieler sind Museumsarbeiter in Blaumännern. Sie hängen eingangs ein riesiges Exemplar des Gemäldes "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix auf die Bühne und kommen dann - zwar nicht so sehr ins Spielen, aber immerhin ins Reden. Dieser Ansatz ist keineswegs neu, könnte an sich aber funktionieren, schließlich ist das Thema der elitären, volksfremden Politik ebenso aktuell wie die Fragilität von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, den Grundsätzen der Französischen Revolution. Außerdem hat die Regisseurin in die Debatten auch Texte anderer Autoren wie Louis Aragon und Heiner Müller gemischt.

Weltrettung

Leider finden die Argumente nie eine Manifestation, weder in einer Handlung noch in Charakteren. Mit jedem von Büchners vier Akten wechseln die Schauspieler die Rollen, passen aber nicht ihre Spielweise an. Tobias Artner bleibt fahrig-nervös, egal, ob er Danton oder Lacroix spielt, und Bettina Kerl erregt in jedem Fall ein bisschen Angst. Trotz nur knapp zwei Stunden ermüdet daher Alia Luques schwer greifbare Version. Man stellt sich die Protagonisten wie eine Gruppe linker Studenten der Politikwissenschaft vor, die sich nebenbei als Hackler in der Gemäldegalerie verdingen und dort ihre basisdemokratischen Diskussionen weiterführen. Erst noch hört man zu, erfreut über so viel Engagement in Sachen Weltrettung. Dann aber merkt man: Das wird nichts mehr. "Nichts, nichts!", wie Danton in Gestalt aller Schauspieler mehrmals pathetisch in die Welt hinaus ruft.

Da wirkt es dann auch eher wie ein verzweifelter Regieeingriff, wenn die Diskutanten nach einer Stunde rabiat werden und nicht nur das Gemälde zerschneiden, sondern auch das ganze Bühnenbild kaputthauen, um nach der Pause in 18.-Jahrhundert-Kostümen zurückzukehren. Danton stirbt dann noch einen opernhaft quälenden, aber rein theoretischen Tod.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-18 16:36:07
Letzte nderung am 2017-09-18 16:40:29



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